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Günther Steinmetz, Mosel – 40XL Dornfelder trocken 2016

Dornfelder! Das ist doch der deutsche Versuch billigen, vermeintlich „echten“ Rotwein zu produzieren?!

Hier nicht, dass sei schonmal gesagt.

Der 40XL von Stefan Steinmetz geistert immer mal wieder durch die Weinnerd-Kreise. Daher war es quasi unausweichlich, den Wein auch einmal zu probieren.

Dornfelder für 20 EUR – dazu noch von der Mosel – darauf hat die Weinwelt sicher nicht gewartet, auch wenn er wie hier sehr gut ist. Da teilt er das Schicksal mit anderen, als weniger wertig angesehenen Rebsorten, wie Portugieser, Zweigelt oder Müller-Thurgau. Der Underdog Portugieser ist bekanntermaßen einer meiner Lieblinge, hier im Blog finden sich bereits Notizen zu einigen hervorragenden Exemplaren. Auch bei den beiden anderen beispielhaft genannten Rebsorten hatte ich einzelne hervorragende Vertreter. Lediglich der Dornfelder hat die von mir schon immer vertretene Vermutung bisher noch nicht bestätigt, nämlich, dass die Zahl der Rebsorten, aus denen kein zumindest sehr guter Wein zu machen ist, viel kleiner ist, als allgemein suggeriert wird. Der 40XL hat hier jetzt auch den Beweis erbracht.

Der Hauptgrund, warum es aus den „Underdog-Sorten“ so wenig sehr gute Weine gibt, ist sicher das Image. Wer kauft Weine aus den Sorten, die 20, 30 oder gar 50 EUR kosten. 2016 war auch bei Stefan Steinmetz Anfang 2025 noch der aktuelle Jahrgang. Es lohnt also in der Regel nicht, hier Aufwand in besonders gute Exemplare zu stecken, weil sie schwer verkäuflich sind. Hinzu kommt sicher auch, dass diese eher auf Menge gezüchteten Rebsorten auch besonders viel Aufwand erfordern, um ihnen Weine von besonderer Qualität abzuringen.

Insofern werden Weine, wie der 40 Monate im Barrique ausgebaute 40XL, stets ein Nischendasein frönen.

Würzig erdige Nase mit roter, süßer Kirschfrucht, Röstnoten, etwas Vanille, Mandeln und floralen Noten.

Im Mund kühl und saftig, klare Sauerkirschfrucht und etwas Brombeere, gerösteter Kaffee, schwarzer Pfeffer.

Mittellanger ganz leicht antrocknender Abgang.

Macht viel Spaß, ein sehr guter Rotwein, der nichts von der für Dornfelder sonst üblichen überreifen Frucht zeigt, sondern fein und kühl wirkt.

Ca. 20,00 EUR / PGV angemessen

Friedrich Becker, Pfalz – Schweigener Pinot Noir 2016

Friedrich Becker, Pfalz - Schweigener Pinot Noir 2016

IIn Ihrer Jugend sind die Spätburgunder von Friedrich Becker häufig spröde, mit hartem Tannin. Mit den Jahren bindet sich das Tannin dann aber in der Regel ein und die Weine blühen auf. Bei seinen Großen Gewächsen kann das schon mal 10 Jahre dauern.

Auch der 2016er Schweigener Ortswein steht für mich erst am Anfang seiner Entwicklung. Trotz ordentlich Tannin und Holz ist er aber aktuell ist er in sehr guter jugendlicher Trinkverfassung, sofern man kein Eleganzmoster sucht.

Würzige, röstige Nase mit Kaffee, dunkler süßlicher Beerenfrucht, etwas Leder und Vanille, Minze und anderen getrockneten Kräutern.

Im Mund fest und kühl. Feine, an Früchtetee erinnernde Beeren und Kirschfrucht. Noch viel jugendlicher aber nicht mehr harter Gerbstoff. Trockenkräuter, röstige, rußige Holznoten. Schöne frische Säure. Recht langer schöner Abgang.

Viel Holz, sehr jung, aber ziemlich komplex und tief.

Ca. 22,00 EUR / PGV günstig

Jülg, Pfalz – Schweigener Sonnenberg Riesling trocken 2016

Jülg, Pfalz - Schweigener Sonnenberg Riesling trocken 2016

Das Weingut Jülg wurde im Frühjahr 2021 in den VDP aufgenommen. Völlig zu Recht im übrigen, entstehen doch hier im tiefen südwesten der Pfalz, teils auf französischem Terretorium doch tolle, tiefgründige Weine. Gut das ich das Weingut dank des Weinhändlers K&M Gutsweine in Frankfurt schon vorher kennen lernen durfte und damit schon etwas länger begleiten kann.

Während sicher die Burgundersorten die Aushängeschilder des Weinguts sind, stet aber auch der Riesling diesen in Sachen Qualität in nichts nach:

Tiefe, tabakige Nase mit viel roten Beeren, etwas gelben Früchten, Orangenschale und schöner Kräuterwürze.
Im Mund straff und dicht, Zitrusfrüchte und eine frische, packende Säure. Dazu kalkige Mineralität zum Kauen. Etwas grünpflanzliche Nuancen, Gewürze, Salz.
Langer, minimal antrocknender Abgang.

Ein sehr schöner Wein und erstaunlich straff für die südliche Pfalz.

 

ca. 14,50 EUR / PGV günstig

Das Wurzelwerk-Projekt: Was bestimmt über den Geschmack des Weins – Die Traube oder der Keller?

Im Vorfeld der aktuellen Jahrgangspräsentation hat das Weingut Gunderloch am 3. Mai 2025 eine öffentliche Verkostung der Weine des Projekts Wurzelwerk aus dem Jahrgang 2016 angeboten. Es war sofort klar, dass wir diese Gelegenheit nutzen mussten und haben sofort Eintrittskarten erworben.

Das Wurzelwerk-Projekt: Was bestimmt über den Geschmack des Weins – Die Traube oder der Keller? Verkostungsraum

Das Projekt „Wurzelwerk“

Ins Leben gerufen haben das Projekt Max von Kunow (Weingut von Hövel, Saar) Stefanie & Alwin Jurtschitsch (Weingut Jurtschitsch, Kamptal) und Johannes Hasselbach (Weingut Gunderloch, Rheinhessen) in 2012. Mit dem Jahrgang 2016 kam Theresa Breuer (Weingut Georg Breuer, Rheingau) dazu und Max von Kunow ging von Bord.

Das Projekt Wurzelwerk trägt den Untertitel „Die Wurzel & Das Werk“.

Das Ziel ist es zu untersuchen, was nun maßgeblich für den Geschmack eines Weines verantwortlich ist.

Der Saft der Traube, die in einem Weinberg mit dem dazugehörigen Boden und (Micro-)Klima wächst (die Wurzel) oder der Winzer und dessen Keller, in dem der Wein anschließend „gemacht“ wird (das Werk).

Die Wurzel

Um das herauszufinden, stellten die 3 Weingüter den anderen Rieslingtrauben aus hervorragenden Lagen zur Verfügung.

Johannes Hasselbach lieferte Nackenheimer Rothenberg, Theresa Breuer Rauenthaler Nonnenberg und Stefanie Jurtschitsch Zöbinger Heiligenstein. Hierfür wurde ein Zielöchslegrad von etwa 90° vereinbart. Den dazu in etwa passenden Erntezeitpunkt (auch hinsichtlich physiologischer Reife) bestimmten die einzelnen Winzer für sich.

Damit bestimmen im groben folgende Einflussfaktoren „die Wurzel“:

  • (Micro-)Klima während der Wachstumsphase
  • Boden auf dem die Trauben wuchsen (geologische Beschaffenheit, Wasserverfügbarkeit, etc.)
  • Maßnahmen, die der Winzer im Jahr im Weinberg unternommen hat (Pflanzenschutz, Laubmanagement, Ertragssteuerung)
  • Dauer der Wachstumsperiode und Erntezeitpunkt
  • Die Ernte und Auslese der Trauben

Das Werk

Die Trauben wurden nach der Ernte eingemaischt und dann sofort auf die Reise geschickt. Theresa Breuers Team brachte eine Partie ausreichend für einen 300l Tank ins nahe Rheinhessen und eine zweite Partie ins Kamptal zu Jurtschitsch. Den dritten Teil behielt sie bei sich im Rheingau. Die beiden anderen Winzer taten dies genauso.

Man beachte den immensen Aufwand der Aktion mitten in der ohnehin schon arbeitsreichen Ernte!

Das Wurzelwerk-Projekt: Was bestimmt über den Geschmack des Weins – Die Traube oder der Keller? Information

Die Winzer entschieden sich, die Maische auszutauschen, da das bei den komplizierten Weingesetzgebungen der Länder Österreich und Deutschland am unkompliziertesten hinsichtlich Dokumentationspflichten erschien. Für alle Partien (auch die, die im eigenen Weingut verblieb), wurde eine gleiche Maischestandzeit vereinbart, die auf jeden Fall auch die längste Fahrtzeit zwischen Österreich und Deutschland abdeckte.

Nach der Maischestandzeit wurden die Partien dann in den jeweiligen Weingütern gepresst und im Stahltank spontan vergoren. Man vereinbarte die gleiche Handhabung und stimmte auch den Zeitpunkt zur Abfüllung in 0,5l Flaschen miteinander ab.

Damit bestimmen im groben folgende Einflussfaktoren „das Werk“:

  • Verwendete Press- und ggf. Pumptechnik
  • Unterschiede im zeitlichen Ablauf zwischen Ende Maischestandzeit und Füllen des Mosts in den Stahltank
  • Temperaturen und Flora der Mikroorganismen im Keller
  • Dadurch ggf. unterschiedlich lange Gärdauern
  • Schritte und verwendete Technik im Rahmen des Abfüllvorgangs

Die Verkostung

Es entstanden 9 verschiedene Weine, die am letzten Samstag zur Verkostung anstanden:

Rauenthaler Nonnenberg (Die Nonne) von Breuer, Gunderloch und Jurtschitsch

Zöbinger Heiligenstein (Der Heilige) von Jurtschitsch, Breuer und Gunderloch

Nackenheimer Rothenberg (Der Rote) von Gunderloch, Breuer und Jurtschitsch

Das Wurzelwerk-Projekt: Was bestimmt über den Geschmack des Weins – Die Traube oder der Keller? Die Weine

Moderiert wurde die Probe von Johannes Hasselbach, Theresa Breuer und Bettina Koller vom Weingut Jurtschitsch.

Die Probe fand blind in 3 Flights á 3 Weinen statt. Es war bekannt, dass ein Flight entweder von einem Weingut oder einem Weinberg stammt.

Zunächst ein Auszug aus den Notizen von Antje und mir zum 2. Flight:

Wein 4: Nase: Unreife Ananas, Apfel, Zitruszesten Mund: Saftig, klare Frucht, Frische Säure, Kräuter

Wein 5: Nase: Orange, Pfirsich, Kokos Mund: Saftig, kühler als Nr. 4, aber etwas geringerer Säureeindruck, Zitronenzesten, grüne Kräuter

Wein 6: Nase: Pfirsich, gelber Apfel, insgesamt zurückhaltender Mund: Saftig, kühl, klare Frucht (Orange), Feuerstein, Kräuter im Abgang Banane

Insgesamt probierten wir 9 aromatisch unterschiedliche Weine.

Da natürlich der Ehrgeiz da war, zumindest einen Teil der Weine richtig einer Lage und/oder einem Weingut zuzuordnen, achteten wir aber insbesondere auch auf Gemeinsamkeiten in den Flights.

Ich hatte mir vorgenommen auf der Suche nach den Weinbergen auf Gemeinsamkeiten zu achten, die mit Säure und Fruchteindruck zusammenhängen, weil gerade die Menge und Zusammensetzung der Säuren nach allgemeiner Lehrmeinung von Boden und Klima beeinflusst wird:

Flight 1 war recht mild in der Säure mit wenig Frucht und hatte eine eher dunkle Würze mit etwas getrockneten Kräutern.

Flight 2 hatte deutlich mehr Säure und es waren Zitrusfrüchte und -zesten im Spiel. Hier waren die Kräuter grüner und die Gesamtwürze nicht so dunkel wie in Flight 1.

Flight 3 war von der Säure her nicht so weit weg vom 2. Flight, die Frucht aber eher apfelig, der Wein eher salzig hellwürzig statt kräutrig.

Das Ergebnis

So waren wir uns mit einem Großteil der Mitverkoster nach dem 2. Flight einig, dass die Flights nach Weinbergen geordnet waren.

Das war auch so:

Flight 1 war Heiligenstein, Flight 2 Rothenberg, Flight 3 Nonnenberg

Während ich Rothenberg und Nonnenberg verwechselte, lag Antje bei allen 3 Weinbergen richtig in der Zuordnung (Frauen sind halt die besseren Verkoster!).

Heiligenstein war aus unserer Sicht aufgrund des milderen Säureeindrucks und des Schwerpunkts Würze mit trockenen Kräutern am besten zuzuordnen, auch wenn man – wie wir – noch nicht viel Heiligenstein getrunken hat.

Es fehlten einfach Frucht und Säure, die man in den bekannteren Rothenberg und Nonnenberg vermuten musste und in den beiden anderen Flights fand.

Der erste Wein eines Flights war jeweils von Jurtschitsch, der zweite von Gunderloch und der dritte von Breuer.

In unserer Einschätzung verwechselten wir Gunderloch und Jurtschitsch und lagen bei Breuer richtig.

Nach dem Aufdecken verkosteten wir dann nochmal die Weine um Gemeinsamkeiten der Winzer in den jeweils von Ihnen im Keller produzierten Weine herauszufinden. Hierfür blieb nicht ganz so viel Zeit und Menge übrig:

Breuer: etwas dunkler in der Aromatik als die anderen, Feuerstein, etwas wild

Gunderloch: prägnante Kräutrigkeit

Jurtschitsch: ruhigste Aromatik, balsamisch

Auch das passt zur Lehrmeinung: Aromen, die weniger durch Frucht und Säure bestimmt werden, kommen häufig erst während der Gärung durch Hefen und Mikroorganismen in den Wein.

Das Fazit

Eine denkwürdige Probe, die ich für ein vollständiges Fazit noch etwas sacken lassen muss.

Es ist auf jeden Fall so, dass der Geschmack eines Weins sowohl von der „Wurzel“ als auch vom „Werk“ bestimmt wird.

Die Winzer hatten in den letzten Jahren natürlich mehrfach die Gelegenheit die Weine zu verkosten.

Auch sie haben nicht immer alle Weine richtig zugeordnet. Und sie bestätigen, dass über die Jahre der Reife die „Wurzel“ an Prägnanz gewinnt, während das „Werk“ etwas mehr in den Hintergrund tritt.

Den Aha-Moment: „Das muss der Rothenberg aus dem Gunderlochkeller sein“ hatten wir nicht.

Auch kann ich nicht sagen, dass uns die Version eigener Weinberg/eigener Keller immer am besten geschmeckt hat.

Verwunderlich ist das jedoch nicht: Am Ende durften wir noch den „echten“, damals im Verkauf befindlichen 2016er Nackenheimer Rothenberg Riesling GG von Gunderloch und den 2016er Rauenthaler Nonnenberg Riesling Monopol von Breuer kosten.

Beide hatten mit den jeweiligen Wurzelwerk-Weinen wenig zu tun und wir müssten sie genauso aromatisch „abschichten“ wie wir das bei der Wurzelwerk-Probe gemacht haben, um die Gemeinsamkeiten mit den Wurzelwerk-Varianten zu erkennen.

Denn hier waren die Winzer ja ab dem Erntezeitpunkt bis zur Abfüllung frei in ihren Entscheidungen. Die Gebindewahl (z.B. Großes Holz statt Stahl) oder eine andere bzw. keine Maischestandzeit seien nur beispielhaft erwähnt.

Johannes Hasselbach nannte diese Stellschrauben das „Herausarbeiten des einzigartigen Terroirs“.

Das lass ich in diesem Artikel erst einmal so stehen, denn über Aspekte des „Terroir“ möchte ich demnächst ausführlicher berichten.

Vielen Dank an die Winzer für die einmalige Gelegenheit und die spannende Moderation und vielen Dank an das Team des Weinguts Gunderloch für die perfekte Organisation der Wurzelwerk Verkostung.

Bastian Hamdorf, Franken – Großheubacher Bischofsberg Sylvaner trocken 2016

Bastian Hamdorf, Franken - Großheubacher Bischofsberg Sylvaner trocken 2016

Silvaner vom Buntsandstein unterscheidet sich aromatisch oft von seinen Verwandten von Keuper und Muschelkalk. Aromatisch sind die Weine oft feiner, gemüsige oder stark gewürzige Aromen sind eher seltener. Manch einer sagt, dass sich Silvaner daher für den Bodentyp nicht gut eignet. Das sehe ich anders. Ich glaube aber, dass es etwas schwieriger ist, vom Buntsandstein besonders gute Silvaner zu gewinnen. Die zurückhaltende Aromatik verzeiht hier keine Fehler.

Bastian hat, wie in den Vorjahrgängen auch, hier einen hervorragenden Silvaner produziert (mehr zu Bastian in der Notiz zum 2015er Sylvaner):

Kühle, kräuntrige und etwas rauchige Nase mit gelben Früchten und Leder.

Im Mund dicht, feine, kühle Zitrusfrucht, etwas süße Ananas und ganz feiner, kalkiger Gerbstoff. Dazu rauchige und kräutrige Noten und eine Prise Salz.

Recht langer, minimal antrocknender Abgang.

ca. 18,00 EUR / PGV günstig

Die große Schäffer – Escherndorf am Lumpen 1655 Silvaner GG Vertikale 2013-2022

Schäffer Vertikale

Am 8.11.2024 trafen wir uns in privatem Rahmen zur Verkostung einer Vertikale des Escherndorf am Lumpen 1655 Silvaner GG vom Weingut Egon Schäffer.

Meine Vertikalverkostungserfahrungen halten sich in engen Grenzen. Am denkwürdigsten bisher war für mich sicher die Verkostung von 10 Jahrgängen Frühburgunder des Weinguts Josef Walter. Die Voraussetzungen waren damals aber andere. Das Ganze fand mit dem Winzer zusammen in einem Restaurant zu passendem Essen statt.

Größere private Proben waren bisher eher themenbezogene Blindproben, die eigentlich immer dadurch gekennzeichnet waren, die Vielfalt einer Region, Rebsorte oder eines Jahrgangs zu zeigen, wodurch sich aufgrund der Unterschiede bei jedem Wein quasi automatisch eine kontroverse Diskussion ergab.

Mit einer derart großen aromatischen Spannbreite kann bei einer Vertikale des besten Weins eines Weinguts nicht gerechnet werden. Natürlich gibt es Unterschiede in der Reife und im Jahrgang. Wobei die Jahrgangsunterschiede je nach Hausstil des Winzers mal mehr und mal weniger stark hervortreten. Daher war ich sehr gespannt, ob wir den Spannungsbogen über den Abend halten und genug Diskussionspotential haben würden.

Das Silvaner GG von Egon Schäffer hatte ich in den letzten 10 Jahren bei allerlei Gelegenheiten so gut wie immer jung verkosten dürfen. Daher erschien mir der Wein besonders gut für eine Vertikale geeignet. Die Hausstilistik ist zurückhaltend neutral. Reduktivität und auf die Spitze getriebene Aromatik gibt es nicht, es herrscht weder Schlankheitswahn noch Fettsucht. Und natürlich gibt es keinen Grund anzunehmen, dass die Weine mit allerlei Kellertechnik jedes Jahr zur Ähnlichkeit getrimmt werden. Und ja, es waren genug Unterschiede zu erkennen, die den Abend spannend und kurzweilig machten.

 

Das Weingut

Mit etwa 7ha ist das Weingut Schäffer das kleinste der fränkischen VDP-Weingüter. Die Familie ist seit mindestens 1524 in Escherndorf beheimatet und vermarktet bereits in der vierten Generation ihren Wein selbst und in der Flasche. Der Betriebsübergang von Egon Schäffer auf Peter und Sophie fand 2022 statt, wobei Peter schon viele Jahre zusammen mit seinem Vater für die Weinproduktion verantwortlich war.

 

Die Lage

Escherndorfer Lump von der Vogelsburg
Blick auf den Escherndorfer Lump und Escherndorf von der Vogelsburg

Die Escherndorfer Weinberge liegen direkt in der Volkacher Mainschleife. Der Hang ist steil und wie ein Parabolspiegel nach Süd und Ost ausgerichtet. Im Tal direkt am Fluss liegt das Dorf Escherndorf und direkt auf der gegenüberliegenden Mainseite das riesige Rebenmeer Nordheims.

Die Weinlage „Escherndorf am Lumpen 1655“ ist streng genommen keine Lage, sondern weinrechtlich eine Phantasiebezeichnung. Der Name ist eine patentrechtlich registrierte Marke der Escherndorfer VDP-Winzer. Die Winzer haben sich verpflichtet unter der Marke nur Weine aus klar bestimmten Parzellen der Weinlage Escherndorfer Lump zu vermarkten. Welche das sind, kann auf der VDP-Homepage unter Weinberg.Online nachgesehen werden. Wesentlicher Hintergrund ist, dass die VDP-Regularien einem Weingut lediglich einen trockenen Wein aus einer Lage ermöglichen. Wenn der Winzer also nur Reben im Escherndorfer Lump hat, darf er genau einen Wein pro Rebsorte als Escherndorfer Lump EL oder GG vermarkten. Die restliche Menge darf nur Orts- oder Gutswein werden.

Der Lump hat 45ha und einige der örtlichen VDP-Weingüter haben den Großteil ihrer Flächen in genau diesem Weinberg, der bei der Größe natürlich Parzellen besitzt, die hinsichtlich Bodenstruktur und Mikroklima regelmäßig bessere Weine liefern als andere Parzellen. Hangfuß oder obere Hangkante, Süd-, Südost- oder Ostausrichtung sind da sicher die augenfälligsten Unterschiede aber bei weitem nicht die einzigen.

Den Winzern sind diese Unterschiede seit Jahrhunderten bekannt. Weinbau ist an der Mainschleife rund um Escherndorf schon seit dem Jahr 906 nachgewiesen, wird aber wahrscheinlich noch länger betrieben. Der Name Lump wurde 1655 erstmals erwähnt. 1851 betrug die Größe der Lage Lump aber nur 0,6ha und es gab mehrere Dutzend weitere Parzellenbezeichnungen im Escherndorfer Hang.

1914 konsolidierte man erstmals die Escherndorfer Lagen auf die Namen Lump, Berg, Fürstenberg, Kirchberg, Eulengrube und Hengstberg. 1971 wurde die Vielfalt weiter eingestampft und die Fläche auf Lump (45ha), Berg (32ha) und Fürstenberg (85ha) aufgeteilt. Ziel war die einfachere Vermarktung unter Inkaufnahme von Gleichmacherei.

So dient die Markeneintragung des „1655“ nicht nur der Portfoliooptimierung in den VDP-Regularien (aus einer Lage werden zwei), sondern korrigiert auch Probleme des Weingesetzes von 1971. Andere Regionen und Winzer haben andere Möglichkeiten hierfür genutzt. Mehr darüber könnt ihr hier nachlesen.

Schäffers GG-Parzellen liegen übrigens im Wesentlichen im Bereich der alten Eulengrube. Der Weinbergsname Eulengrube wurde historisch bereits vor dem Namen Lump nachgewiesen.

 

Die Weinbereitung

Die Geschichte ist schnell erzählt. Schäffers Silvaner GG kommen aus mindestens 30 Jahre alten Reben, werden handgelesen und spontan in kleinem und großem Holz und Stahl vergoren. Üblicherweise liegen sie lang auf der Hefe (bis zu 2 Jahre). Niedrige Restzuckerwerte werden angestrebt. Peter Schäffer erhöht in den letzten Jahren den Stahlanteil und legt in Zeiten des Klimawandels mehr Augenmerk auf moderatere Alkoholwerte.

 

Die Probe

Wir haben immer zwei Weine pro Flight parallel probiert. Meine Notizen entstanden während des Abends und wurden bei einer Nachverkostung am Folgetag nochmal verfeinert.

 

Schäffer Flaschen 2021-2022

2022er Escherndorf am Lumpen 1655 Silvaner GG (12,5% Alk., 4,0g RZ, 7,0g Säure)

Kräutrige Nase mit etwas Bratapfel. Im Mund wenig Frucht, kräutrig, mit viel kalkiger Mineralität und einer recht kräftigen Säure. Etwas Holzwürze. Langer schöner Abgang. Noch sehr jung, am zweiten Tag deutlich runder und feiner. Muss reifen.

 

2021er Escherndorf am Lumpen 1655 Silvaner GG (12,5% Alk., 3,0g RZ, 6,5g Säure)

Ruhige Nase mit Apfel und Liebstöckel. Im Mund Trockenobst, viel jodige Mineralität, ein Hauch grünes Gemüse, gute Säure, die erstaunlicher Weise besser eingebunden scheint als beim 2022er. Langer schöner Abgang.

 

Schäffer Flaschen 2019-2020

2020er Escherndorfer Lump Silvaner „Fifty Five“ (13,0% Alk., 3,0g RZ, 6,5g Säure)

2020 war ein Frostjahr in Franken. Daher gab es kein großes Gewächs im Hause Schäffer. Ich hatte für meine Vertikale daher die „normale“ erste Lage vorgesehen. Sophie empfahl mir dann aber, statt dem GG den „Fifty-Five“ anzustellen, der in diesem Jahr die Spitze des Silvanersortiments bildete.

Der Name Fifty-Five entstand zu Ehren von Vater Egons 55. Geburtstag. Der Wein dazu stammt aus 55 Jahre alten Reben und wurde 18 Monate auf der Hefe in kleinem Holzfass ausgebaut.

In der Nase viel Quitte, Zitrusfrüchte und Kräuter. Feine helle Frucht. Feiner Gerbstoffgripp aus gutem Holzeinsatz, etwas Sellerie, salzige Mineralität, langer Abgang.

Um es Vorweg zu nehmen. Am Tisch war das der Favorit des Abends. Daher haben wir zum Schluss noch die „normale“ erste Lage verkostet:

 

2020er Escherndorfer Lump Silvaner EL (13,0% Alk., 1,5g RZ, 6,0g Säure)

Nase mit viel Quitte und etwas Kräutern. Im Mund weicher und etwas eleganter als der Fifty-Five. Feine Frucht, schöne Säure, verhältnismaßig dunkle Würze, salzige Mineralität, recht langer Abgang mit weißem Pfeffer.

Beide 2020er top!

 

2019er Escherndorf am Lumpen 1655 Silvaner GG (13,5% Alk., 2,9g RZ, 7,4g Säure)

In der Nase zu Beginn Sherrynoten und überreife Früchte. Mit Luft und bei der Nachverkostung dann aber deutlich weniger Sherry (hatte ich so noch nie), mehr Brioche, Mandel und Sellerie.

Im Mund deutlich feiner als in der Nase mit überreifem Obst, wieder hefig briochigen Noten, erdiger Würze und kalkiger Mineralität.

Sicher der am kontroversesten diskutierte Wein der Reihe:

„Komplexe Aromatik“

„Gut zum Essen“

„Drüber“

„Wie Schaumwein ohne Blubber“

Ich vermute, dass die Flasche nicht ganz okay war und er damit ein wenig aus der Wertung zu nehmen ist.

 

Schäffer Flaschen 2016-2018

2018er Escherndorf am Lumpen 1655 Silvaner GG (14,0% Alk., 2,0g RZ, 6,9g Säure)

In der Nase Apfelkompott und Liebstöckel. Im Mund erstaunlich klare, helle Frucht mit einer erdigen, etwas nussigen Würze. Schöne, bestens eingebundene Säure. Kalkige Mineralität und langer, aber etwas warmer Abgang.

Für mich eine große Überraschung im Kontext von 2018. Natürlich lässt sich das warme Jahr nicht verstecken, aber dennoch geht der Wein hier nicht in zu sehr in die Breite.

 

2017er Escherndorf am Lumpen 1655 Silvaner GG (13,5% Alk., 0,8g RZ, 6,8g Säure)

Deutlich wurzelgemüsige Nase mit Liebstöckel und anderen frischen, grünen Kräutern.

Im Mund sehr schlank, in der Reihe fast karg, wenig Frucht, frisch mit schöner Säure, etwas Gemüse und Kräuter, etwas kalkige Mineralität, weißer Pfeffer, insgesamt aber nicht sehr komplex. Mittellanger Abgang.

 

2016er Escherndorf am Lumpen 1655 Silvaner GG (13,5% Alk., 1,0g RZ, 6,5g Säure)

In der Nase Zitrus, Tabak und dunkle Würze.

Im Mund süßlicher Bratapfel mit etwas Honig, frische Säure und eher dunkle Würze mit tabakigen Noten. Recht langer Abgang.

 

Schäffer Flaschen 2013-2015

2015er Escherndorf am Lumpen 1655 Silvaner GG (14,5% Alk., 3,7g RZ, 6,7g Säure)

Recht süße Nase mit reifen Quitten, Mandarine und Mandeln.

Im Mund kraftvoll und rund mit feiner Frucht, Bienenwachs und floralen Noten. Kalkige Mineralität und weißer Pfeffer. Langer pfeffriger Abgang. Kein Eleganzmonster, aber im Kontext von Jahr und Alkoholgehalt auch nicht zu fett, schön gereift. Toller Wein!

 

2014er Escherndorfer Lump Silvaner EL (13,5% Alk., 0,9g RZ, 6,5g Säure)

Aus 2014 und 2013 hatten wir leider nur die erste Lage in der Verkostung.

Kühle, apfelige Nase mit erdigen Noten.

Im Mund zurückhaltende, kühle Frucht, sehr frische, zitrige Säure, steinige Mineralität, etwas Bienenwachs, mittellanger Abgang. Nicht sehr komplex aber schön gereift.

 

2013er Escherndorfer Lump Silvaner EL (13,5% Alk., 3,0g RZ, 6,8g Säure)

In der Nase viel Dosenchampignon, Wurzelgemüse und Liebstöckel.

Im Mund würzig, kräutrig, wieder Pilze, diesmal mit dem Waldboden ihrer natürlichen Umgebung, wenig Frucht. Durchaus komplexe Aromatik, mittellanger, leicht antrocknender Abgang. Das pilzige, unterholzige ist sicher auf das Alter zurückzuführen. Dennoch beachtlich, denn es handelt sich bei dem 2014er und dem 2013er schließlich um Weine, die damals nur etwa 13 EUR pro Flasche gekostet haben.

 

 

Außer der Reihe:
Schäffer Bonusflaschen

Zur Brotzeit vor der Probe hatten wir:

2015er Escherndorfer Fürstenberg S7lvaner (13,0% Alk., 1,3g RZ, 7,0g Säure)

Der Wein wurde spontan vergoren und 7 Jahre im großen Holzfass auf der Hefe gepflegt und damit erst im April 2022 abgefüllt.

2021er Escherndorfer Lump Silvaner Stairway to Heaven (13,5% Alk., 3,0g RZ, 5,5g Säure)

Gewachsen in den Parzellen entlang des Aufgangs zur Vogelsburg. Ausbau mit 18-monatigem Hefelager im Stahltank.

Die Weine waren so schnell getrunken, dass es hier keine Beschreibung gibt. Die Geschwindigkeit lässt aber den Rückschluss zu, dass sie hervorragend waren und den GG in nichts nachstanden.

Den Abschluss bildete eine 1993er Iphöfer Julius-Echter-Berg Silvaner Trockenbeerenauslese vom Weingut Juliusspital, die ein Gast mitgebracht hatte. Aus dem Kühlschrank holten wir dazu etwas Trüffelleberwurst. Ein tolles Finale!

 

Das Fazit

Wow, das war ein spannender Abend.

Der zurückhaltende, ruhige Stil des Hauses zog sich durch den Abend. Die Qualität war durchweg sehr gut (2019 wegen des voraussichtlichen Flaschenfehlers nicht vollends beurteilbar). Und Schäffers Weine reifen hervorragend! Besonders überraschend waren für mich die Silvaner aus den warmen Jahren 2015 und 2018, die zwar kraftvoll waren, aber im Vergleich mit den Weinen anderer Produzenten hinsichtlich Breite und Fülle nicht aus dem Rahmen fielen.

Oben hatte ich schon geschrieben, dass uns der 2020er Fifty-Five – ausgerechnet kein GG – am besten gefallen hat. Für mich ist das nicht auf ein Mehr an Komplexität oder Punkten zurückzuführen, sondern eher auf die innere Spannung des Weins und des schönen Holzeinsatzes. Auch der 2015er S7lvaner und der 2021er Stairway to heaven waren etwas lauter als der Rest und zogen uns so schneller in ihren Bann, als die ruhigeren, nicht weniger komplexen GG.

Insgesamt waren 2020-2022 ziemlich stark, insofern freue ich mich sehr auch auf die nächsten Jahrgänge in der alleinigen Verantwortung von Peter und Sophie.

Für die ganz oben beschriebenen Themenverkostungen sind aus meiner Sicht Analysewerte nicht mehrwertstiftend, hier bei der Vertikale hatte ich eine Liste der Alkohol-, Säure- und Restzuckerwerte zusammengestellt.

Gerade hinsichtlich Säure haben wir viel diskutiert. Als Fazit lässt sich festhalten, dass der Säurewert dem Verkoster nicht wirklich dabei hilft, einen Säureeindruck vorab einzuschätzen. Bis auf zwei Ausreißer lag der Säurewert der Weine immer zwischen 6,5 und 7,0 g/l. Dennoch war der Säureeindruck oft deutlich unterschiedlich.

Schaut man auf die Hintergründe, ist das auch nicht wirklich verwunderlich, zum einen, da der geschmackliche Säureeindruck auch durch vorhandenen Restzucker (der hat uns bei der geringen Schwankungsbreite hier auch nicht geholfen) und von Gerbstoffen bzw. Extrakt gepuffert wird und es sich zum anderen beim Säurewert um die Angabe der „Gesamtsäure“ handelt, die sich wiederum aus unterschiedlichen Anteilen Weinsäure, Apfelsäure und Zitronensäure zusammensetzt, die jeweils einen anderen Säureeindruck auf der Verkosterzunge hinterlassen.

Meine kleine persönliche Challenge war die Frage, in wie weit man den Escherndorfer Lump in den Weinen wiedererkennt. Das war sicher auch ein Grund, warum ich Schäffers ruhigen Stil als gut geeignet für eine solche Verkostung bewertete. Es fiel mir allerdings schwer, aus dem Gedächtnis heraus, Vergleiche mit den vielen bereits getrunkenen Lumpen zu ziehen und dies zu anderen Weinbergen abzugrenzen. Aber immerhin habe ich mit den Kostnotizen hier jetzt eine solide Basis, um künftig offensiver zu vergleichen.

Eigentlich ruft das nach der einen oder anderen Lump-Horizontale!