China gegen den Rest der Welt: eine kleine Probe im privaten Rahmen am 17. Januar 2020

Eingetragen bei: Verkostung, Wege und Ziele | 1

China gegen den Rest der Welt – unter diesem Motto fand am 17. Januar eine kleine Probe in privatem Rahmen statt. Als mich der Gastgeber dankenswerterweise dazu einlud war ich dann doch erstmal überfordert. Chinesischer Wein? Da brauchte ich in meinem Keller gar nicht auf die Suche zu gehen. Glücklicherweise hatte der Gastgeber eine kleine Auswahl von einer Reise mitgebracht, sodass hier kein weiteres Beisteuern notwendig war. Für den „Rest der Welt“ sorgten die Gäste mit Bordeaux-(Style)-Rotweinen, da die chinesischen Weine ihre Vorbilder ziemlich sicher in dieser Weinregion hatten.

Weinbau in China mit klassischen europäischen Rebsorten wird seit dem Ende des 19. Jahrhunderts praktiziert und fristete lang ein Schattendasein im Reich der Mitte. Erst seit den 1990er Jahren geht es steil bergauf. Offizielle Zahlen sind schwer zu finden, aber es werden mittlerweile wohl etwa 11,5 Mio. hl Wein in China produziert. Experten schätzen, dass China in den nächsten Jahren zum an die Spitze der größten Weinbaunationen der Erde aufsteigen wird.

Insofern ein spannendes Thema und eine Probe mit Überraschungen.

Die Weine:

China gegen den Rest der Welt: eine kleine Probe im privaten Rahmen am 17. Januar 2020

Die Weine wurden jeweils einzeln blind verkostet. Eine besondere Reihenfolge war nicht festgelegt:

1. Wein: Changli Great Wall Manor Winery „Renato Loss“ Cabernet Gernischt 1998?

Online etwas über diesen Wein herauszufinden war gar nicht einfach. Die einzige Quelle spricht hier tatsächlich von Jahrgang 1998, was mit der „98“ auf dem Frontetikett korrespondieren würde.

Cabernet Gernischt ist der chinesische Name der Rebsorte Carmenère, die unter dem deutschen Namen „Cabernet Gemischt“ schon im 19. Jahrhundert eingeführt wurde und deren chinesischer Name damit einen Schreibfehler des deutschen Namens darstellt.

Der Wein selbst ist dann keine wirkliche Beschreibung wert. Muffig, vielleicht mit Korkfehler, unsauber, mit starkem Klebstoffton. Ob es wirklich 1998 war bleibt dennoch offen, alt im Sinne von oxidiert hat der Wein nicht geschmeckt.

 

2. Wein: Chinese Wine Cabernet Sauvignon

Hier waren im Nachgang online keinerlei Details zu finden. Schlimm ist das nicht, denn viel war da auch nicht los: wieder eher muffige, kellrige Nase. Im Mund kühle Frucht mit reichlich Säure. Eher kurz und nicht sehr sortentypisch.

 

3. Wein: Château Beau-Site, Saint-Estèphe, Bordeaux 2003, Cuveé aus Cabernet Sauvignon, Merlot, Cabernet Franc und Petit Verdot

Das erste Mal, dass ein Aha um den Tisch ging. Der erste Wein, der allen schmeckte. Und wir waren uns einig mit der Herkunft. Es musste ein „echter“ Bordeaux sein. Der Wein zeigte sich mit feiner harmonischer Würze und ebenso feiner, etwas süßlicher Frucht. Etwas unrundes Tannin störte etwas den grundsätzlich eleganten Stil. Nicht der komplexeste Vertreter. Recht schöner, mittellanger Abgang. Von den meisten Teilnehmern wurde der Wein reifer eingeschätzt, als er wirklich war. Insofern – wer hat sollte den Wein in der nächsten Zeit trinken.

 

4. Wein: Kollwentz, Burgenland, Österreich – Steinzeiler 2015 Cuveé aus Blaufränkisch (>50%), Zweigelt und Cabernet Sauvignon.

Der Wein ist von der Rebsortenzusammenstellung nur noch am Rande mit Bordeaux zu vergleichen. Dennoch ist der Ausbaustil der kraftvollen österreichischen Cuveé schon mit klassischem, parkerfreundlichem Bordeaux zu vergleichen. Der Wein ist die Top-Cuveé des Weinguts Kollwentz am Leithaberg in der Nähe des Neusiedlersees. Das pannonische Festlandklima hat im warmen 2015 ganze Arbeit geleistet:

Dichte, warme Nase nach eingemachten Kirschen und Beeren mit kraftvoller fast röstiger Würze. Im Mund wahnsinnig dicht und kraftvoll. Schöne, klare Kirschfrucht, unheimlich tiefe, komplexe Würze, ganz feines, noch junges Tannin, schokoladige Noten und Röstnoten. Eine Prise Salz. Langer, intensiver Abgang.

Das ging voll auf die Zwölf. Alle waren sich hinsichtlich hoher Komplexität und Qualität einig. Die Wucht aber polarisierte schon. Für einige war es „etwas viel von allem“, für andere Probenteilnehmer aber genau richtig. Fazit aller: Unbedingt noch liegen lassen.

 

5. Wein: Changli Great Wall Manor Winery „Century Sutra“ Cabernet Sauvignon o.Jg.

Auch hier wieder Ebbe bei der Internetnachschau. Das hatte ich mir etwas einfacher vorgestellt.

In der Probe wurde wieder recht schnell auf China getippt. Bisher war das auf jeden Fall der beste Chinese, der aber auch noch deutlich Aufholpotential hat. Allerdings hatte er es nach der großartigen österreichischen „Wuchtbrumme“ aber auch etwas schwer:

Trüb im Glas mit einer eher verhaltenen Cassisfrucht. Im Mund ein eher einfach gestrickter Wein mit einer feinen Beerenfrucht und eher eckigen Tanninen, fein holziger und etwas medizinaler Würze. Am Gaumen bleibt ein leicht bitterer Gerbstoffeindruck.

 

6. Wein: Ao Yun 2014 (Moët Hennessy – Louis Vuitton) Cuveé aus 90% Cabernet Sauvignon und 10% Cabernet Franc

China gegen den Rest der Welt: eine kleine Probe im privaten Rahmen am 17. Januar 2020 Ao YunDer 2014er ist der zweite Jahrgang des vom Luxuskonzern LVMH gegründeten chinesischen Weinguts. Die Trauben für den Wein wachsen auf ca. 30ha in der Himalaya-Region bei Shangri-La, Angabe gemäß auf 2.200 bis 2.600 Metern Höhe. Das Gebiet wurde ausgewählt, weil es mit der klimatischen Situation im Bordeaux vergleichbar ist, aber eine etwas längere Reifezeit zulässt. Hier wurde nichts dem Zufall überlassen. Hier soll ein Weltmarktprodukt entstehen.

Der Wein fiel auf jeden Fall wieder in die Aha-Kategorie. Die Mehrheit tippte auf Bordeaux oder den Rest der Welt.

Feinwürzige, schöne Nase mit frischen Pflaumen, schwarzen Beeren und Tabak. Im Mund eine ganz klare, feine Frucht nach Cassis und dunklen Kirschen. Kühle Würze mit Kakao und Anis. Aktuell recht grüne, aber feine Tannine. Guter Abgang.

Insgesamt kein aufregender, aber ein schöner Wein. Und natürlich hinsichtlich der Anbauregion etwas Einzigartiges. Freunde eines guten Preis-/Genussverhältnisses sollten aber eher andere Weine wählen. Daher besonderen Dank an den edlen Spender!

 

7. Wein: Château Leoville Barton, Saint-Julien, Bordeaux 2003, Cuveé aus 93% Cabernet Sauvignon und 7% Merlot

Wir kamen bei dem Wein von der Aha in die Wow-Kategorie. Der Wein wurde bereits vom Spender zuhause karaffiert, sodass direkt aus dem Dekanter ausgeschenkt wurde.

Extrem tiefe, würzige Nase mit schwarzen Beeren, Sauerkirschen, Graphit, floralen Noten und etwas getoastetem Holz.

Im Mund ganz fein und elegant, mit mundwässernder, bestens eingebundener Säure (2003!), ganz klare, feine dunkle Frucht, leicht rauchig mit feinen Röstnoten. Bester Holzeinsatz und sehr langer, ganz klarer und feiner Abgang.

Der Wein war an diesem Abend in Bestform. Großartig!

 

8. Wein: GreatWall Terroir Selection Red Cabernet Sauvignon o.Jg.

Auch hier wieder Dürre im Internet. Greatwall heißt wohl jeder zweite Wein in China. Über den getrunkenen Wein war aber wieder nichts zu finden.

In der Nase ist der Wein erst ziemlich verwegen mit einer eher undefinierbaren Würze. Mit mehr Luft wird das ganze aber deutlich verträglicher. Dazu kommen kräftige Holz- und Röstnoten. Im Mund ist das ganze eleganter, als es die Nase vermuten lässt. Der Wein hat eine feine Würze und eine etwas süßlich verschwommene Kirsch und Cassisfrucht. Die schöne Säure hält den Wein frisch und sorgt für einen saftigen, ganz klaren und mittellangen Abgang.

Ordentlich.

 

9. Wein: Château Margaux 1er Cru, Bordeaux 1985 Cuvee aus Cabernet Sauvignon, Merlot, Cabernet Franc und Petit Verdot

China gegen den Rest der Welt: eine kleine Probe im privaten Rahmen am 17. Januar 2020 MargauxEin Klassiker. Auch hier zunächst ein großes Dankeschön an den Spender der Flasche!

Zunächst hat der Wein nicht für Ahas oder Wows gesorgt. In der Nase war der Wein – wie sein chinesischer Vorgänger – zunächst sehr verwegen. Diesmal dominiert von Eisen und Blut und erdingen Noten. Aber auch das legte sich mit der Zeit, blieb aber in den Erwartungen zurück. Im Mund hat der Wein eine eher süßliche Frucht in Richtung Pflaume und Cassis. Dazu ganz feines Tannin und eine leicht rauchige, schokoladige Würze. Mittellanger Abgang. Zum Strahlen kommt der Wein leider nicht. Alles fühlt sich etwas zugedeckt an. Leichte Alterungsnoten tun ihr übriges. Gut zu trinken war der Wein auf jeden Fall, aber die Erwartung hat er nicht erfüllt. (Ggf. ein Flaschenproblem?)

 

10. Wein: Chateau Xianghai The Manas Winery 2016

Muss ich es noch dazu sagen? Nichts im Netz zu finden zu den Cuveépartnern oder anderen Informationen. Cabernet Sauvignon ist drin, die Nase nach Paprika entlarvt das Ganze. Im Mund eine eher verwaschene, rote, süßliche Frucht, eine angenehme, aber nicht allzu komplexe Würze und eher grobsandiges Tannin. Im mittellangen Abgang bleibt die Süße am Gaumen zurück.

Ein rustikaler, ganz ordentlicher Wein.

 

11. Wein: Feiler-Artinger, Burgenland 1014 Cabernet-Merlot 2008, Cuveé aus 69% Cabernet Franc, 17% Cabernet Sauvignon und 14% Merlot

Zum Abschluss ging es wieder nach Österreich, genauer gesagt nach Rust am Neusiedlersee. Von den Rebsorten sind wir jetzt näher am Bordeaux. Daher wurde der Wein auch dorthin verortet. Die Reaktionen waren irgendwo zwischen Aha und Wow einzusortieren.

Der Wein hat eine kräftige, intensiv würzige Nase mit dunklen Beeren, Kakao und Röstnoten.

Im Mund eine dichte aber feine Tanninstruktur. Fester Körper. Eher süßliche dunkle Beerenfrucht aber eine wunderbare, feine und frische Säure. Dichte Würze und bester Holzeinsatz. Langer, schön würziger Abgang. Keine Alterungsnoten – Toll!

 

Die Wertung:

Da es eine Probe in ganz lockerem Rahmen war, haben wir auf aufwändige Bepunktung verzichtet. Dennoch wollten wir herausfinden, welche die Weine des Abends waren. Das Ergebnis wurde wie folgt ermittelt: Summe aus: 1. Platz 3 Punkte, 2. Platz 2 Punkte, 3. Platz 1 Punkt:

1. Platz: Château Leoville Barton, Saint-Julien, Bordeaux 2003 (3 Punkte von allen Teilnehmern!)
China gegen den Rest der Welt: eine kleine Probe im privaten Rahmen am 17. Januar 2020 Leoville Barton

2. Platz: Kollwentz, Burgenland, Österreich – Steinzeiler 2015
China gegen den Rest der Welt: eine kleine Probe im privaten Rahmen am 17. Januar 2020 Kollwentz

3. Platz: Feiler-Artinger, Burgenland 1014 Cabernet-Merlot 2008
China gegen den Rest der Welt: eine kleine Probe im privaten Rahmen am 17. Januar 2020 Feiler Artinger

Das Fazit:

Für mich war das ein sehr spannender Abend. Nicht nur wegen des Einblicks in die chinesische Weinwelt. Auch Bordeaux ist ja nicht unbedingt mein Steckenpferd. Der Leoville Barton war eine echte Offenbarung, wie gut und vor allem elegant reifer Bordeaux werden kann.

China aber hat ganz sicher noch einen weiten Weg vor sich, was sich nicht nur an den Weinen der Probe festmacht, sondern auch daran, wie ungeordnet doch alles aus der europäischen Internetsicht ausschaut, was Anbaugebiete, Qualitäten und Sorten angeht. Aber vielleicht ist das auch zu viel erwartet, schließlich muss ja zunächst mal der wachsende Durst dieses riesigen Landes gestillt werden.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.