Weinverkostung VDP Rheingau in Kloster Eberbach am 04. März 2018

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Weinverkostung VDP Rheingau mit portugiesischen Winzern in Kloster Eberbach am 04. März 2018

Im Rahmen des Rheingau Gourmet & Wein Festival fand am 04.03.2018 im mächtigen Laiendormitorium von Kloster Eberbach eine Weinverkostung des VDP Rheingau zusammen mit einigen portugiesischen Winzern statt.

Auch wenn die autochthonen Rebsorten Portugals viel Spannung versprechen, haben wir uns zunächst auf den Rheingau konzentriert.

Schwerpunkt der Verkostung lag auf den Großen Gewächsen und auf den „Charta“ Weinen.

Charta – was ist das?

Namensgeber der Rheingauer Charta-Weine ist die Rheingauer Charta-Vereinigung, die 1984 unter Vorsitz von Bernhard Breuer gegründet wurde. 1999 ist die Charta-Vereinigung wg. weitgehender Überschneidungen dann wohl im VDP Rheingau aufgegangen. Gut nachvollziehbar ist das im www nicht, es ist wirklich schwer, bezgl. der Spezifikationen/Geschichte der Weine etwas zu finden. Ob es sich um einen “Geheimbund” handelt? 😉

Definiert scheinen die Weine als Rieslinge, die trocken schmecken sollen, deren maximaler Zuckerwert aber etwas über dem gesetzlichen Wert für Trocken liegen darf. Die Weine müssen aus „erstklassigen Lagen“ kommen, obwohl kein Lagenname auf dem Frontetikett auftaucht und die Weine im Verkostungskatalog als Gutsweine aufgeführt werden. Ähnlich wie beim Großen Gewächs dürfen die Chartaweine erst 12 Monate nach der Lese auf den Markt kommen.

Insgesamt erscheint mir das Ganze seltsam anachronistisch und passt auch irgendwie nicht zum VDP, der mit seiner Klassifikation ja eher zu mehr Klarheit beitragen wollte, was der „Edel-Gutswein“ Charta irgendwie schon konterkariert. Auch marketingmäßig scheint es weniger eine Rolle zu spielen – sonst müsste im WWW doch eine spannende Geschichte hierzu zu finden sein.

In der Verkostung traten die Weine tatsächlich als „Edel-Gutsweine“ auf. Hinsichtlich Kraft und Fülle pendelten Sie häufig eher zwischen Ortswein und erster Lage. Hinsichtlich Restzuckergehalt fallen die Interpretationen durchaus unterschiedlich aus.

In der eher trocken ausgebauten Richtung ist der 2016er Charta Riesling von Robert Weil empfehlenswert. Bis heute war mir gar nicht bekannt, dass Robert Weil einen solchen Charta Wein im Angebot hat. Der Wein präsentiert sich Weil-Typisch elegant und ausgewogen, und ist doch als Rheingauer sofort zu erkennen. Der gegenüber einigen Konkurrenten geringere Restzucker (wahrscheinlich an der Obergrenze des gesetzlichen Werts) lässt eine Menge Frische im Wein und fördert den Trinkfluss.

Vom Wein- und Sektgut Barth kommt ein 2016er Charta Riesling, der viel deutlicher auf der „feinherben“ Seite liegt, dennoch aber saftig und frisch bleibt.

Geschmacklich vom Restzucker dazwischen und ebenfalls empfehlenswert der 2016er Charta Riesling von August Eser.

Säure oder mehr? Wo steht der Rheingau?

Weinverkostung VDP Rheingau mit portugiesischen Winzern in Kloster Eberbach am 04. März 2018 2

Säure, Säure, Säure, das war im Jahrgang 2015 ein bestimmendes Thema im Rheingau. Es war so bestimmend, dass ich mich entschloss von der letztjährigen Veranstaltung keinen Bericht zu schreiben. Ich würde mich durchaus als etwas säureempfindlich beschreiben. Aber wie immer ist dem ein „Kommt darauf an“ nachzuschieben. Wenn ein Wein ein schönes Gerüst hat, Mineralität und Würze, dann kann er die Säure oft gut puffern und schon ist bei mir wieder alles gut. Gleiches gilt, wenn die Restsüße etwas höher bleibt. Das klappt allein aber nur dann gut, wenn die Säure nicht ganz weit oben ist, sonst wäre so viel Süße notwendig, dass ich lieber auf Limonade umsteige.

In den Weiten des Rheingaus ist es dann für mich eben insbesondere in säurebetonten Jahren schwierig. Häufig fehlt das Gerüst und die Würze und es sticht aus einem trockenen Wein eine zwar mehr oder weniger saftige aber fast aggressive und metallische Säure hervor, die mir den Trinkspaß nimmt, oder die Weine geraten in eine Limonadenschiene.

Auch wenn das persönliche Säureempfinden natürlich wesentlicher Teil meines Rheingau-Dilemmas ist, zeigt sich auch in 2016 – wenn auch weniger aggressiv säurebetont – wie groß die Spannbreite der Qualitäten im VDP-Rheingau ist. Gerade die Großen Gewächse zeigen sich von dürftig bis zu grandios.

Einen Tick besser als das viel gelobte 2015 ist für mich das Durchschnittsniveau im Jahrgang 2016 aber gewesen, insbesondere im trockenen Bereich und auch bei den gezeigten Chartaweinen – ein ausgesprochener Säurefreund mag das anders sehen.

Große Gewächse – meine Empfehlungen

Robert Weil hat seinen 2015er Kiedricher Gräfenberg Riesling GG zusammen mit dem 2016er Kiedricher Gräfenberg Riesling GG präsentiert. Beide sind großartig, der etwas zurückhaltende, elegante und sehr vielschichtige 2016er hat für mich persönlich aber die Nase nochmal deutlich gegenüber dem kleinen Kraftprotz aus 2015 vorn, der im Moment zwar tief aber sehr unruhig und ungeduldig ist und dessen Entwicklung für mich kaum abzuschätzen ist.

Bei Künstler steht das 2016er Hochheimer Hölle Riesling GG auch vor der im letzten Jahr präsentierten 2015er Variante. Eleganz und Feinheit, Komplexität und Länge bestimmen 2016.

Mein Rheingauer Muster GG ist das 2016er Erbacher Siegelsberg Riesling GG vom Weingut von Oetinger. Für 2016 viel Säure, aber dagegen eine tolle, komplexe Würze und ganz feine klare Frucht. Wenn mich jemand fragen würde, wie ein Rheingauer GG zu schmecken hätte, wäre Siegelsberg im allerpositivsten Sinn die Antwort, die ich geben würde (auch wenn ich Rüdesheimern und Hochheimern damit bestimmt nicht gerecht würde).

Der 2016er Rüdesheimer Berg Schlossberg von Leitz ist einer der kraftvollsten 2016er und hat eine starke Phenolik, aber eben auch eine schöne und typische Rüdesheimer Würze.

Aus einer kühlen, höher liegenden Lage kommt der lange und komplexe 2016er Hallgartener Jungfer Riesling GG vom Weingut Müller Stiftung. Für mich ein Überraschungskandidat. Das Weingut hatte ich bisher nicht auf dem Schirm.

Das Weingut Joachim Flick aus Flörsheim Wicker ist schon einer meiner Rheingau-Favoriten. Nicht immer in der absoluten Spitze, aber immer mit schöner Konstanz. Der 2016er Wickerer Nonnberg „Vier Morgen“ Riesling GG kann aber in der Spitzengruppe mitspielen (genau wie der heute nicht gezeigte 2016er Hochheimer Königin Viktoriaberg Riesling GG)

Aus Eltville dann eine weitere Neuentdeckung, die mir das erste Mal auf der Weinmesse der Weinkellerei Höchst Ende letzten Jahres auffiel:
Der 2016er Martinsthaler Langenberg Riesling GG vom Weingut Diefenhardt mit schöner, schlanker Eleganz aber gleichzeitig tiefer, mineralischer Dichte. Für mich vom PGV her die Rheingauer Kaufempfehlung des Jahres.

Abschließend muss noch der 2015er Hattenheimer Hassel Riesling GG vom Wein- und Sektgut Barth Erwähnung finden. Natürlich 2015 bedingt auch eher ein kraftvolles GG, dabei aber mit kalkig kühler Mineralität und schöner Länge.

Gemessen an meinen kritischen Worten weiter oben ist es dann doch eine ganze Menge an feinen GG gewesen, die heute präsentiert wurden. Der Weg passt, ich hoffe, dass andere Erzeuger aufschließen können.

Das beste zum Schluss – Zwei Lieblinge

Das Weingut Kaufmann begeistert mich quasi seit deren erstem Jahrgang. Was der Schweizer Quereinsteiger Urban Kaufmann mit der ehemaligen VDP-Geschäftsführerin Eva Raps hier auf die Beine gestellt hat ist top. Heute wurden ein hervorragendender 2016er Hattenheimer Wisselbrunnen Riesling GG, ein wie letztes Jahr schon extrem trinkiger, mineralischer 2016er Tell Riesling Gutswein trocken und ein feiner, eher trockener 2016er Kaufmann Riesling Kabinett feinherb präsentiert.

Mein zweiter Liebling ist wahrscheinlich kein Rheingauer, sondern baut seine Weine in einer anderen Welt an. Schon im August letzten Jahres hatten wir die Gelegenheit die ganze Kollektion vor Ort im Weingut zu verkosten. Gänsehautmomente – die haben die Weine von Peter Jakob Kühn dort durch die Bank weg erzeugt. Das war heute nicht anders. Der 2016er Oestricher Quarzit Riesling trocken schlägt quasi alle hier nicht erwähnten GG. Als Ortswein! Extrem steinig, kalkig, mineralisch ist der Wein, begleitet von einer feinen Zitrusfrucht. Das hat Zug ohne Ende.

Der 2015er Oestricher Doosberg Riesling GG hat eine tiefe Würze, ist kräutrig und wahnsinnig dicht und lang. Als Rheingauer nicht direkt zu erkennen. Eine eigene Rieslingkategorie. Wahnsinn!

Die 2016er Oestricher Lenchen Riesling Auslese ist final dann der Wein, der seine Rheingauer Herkunft am wenigsten verleugnet und mit der feinen Würze und der großen Ruhe und Tiefe sicher zu den größten Rheingauern dieser Kategorie in 2016 zählt.

Am Rande: Überall Linsensuppe oder eine Anekdote aus der Kategorie professionelles Verkosten

An sich ist die Veranstaltung in Kloster Eberbach gut organisiert. Der Saal ist groß und das Ambiente historisch beeindruckend, die Spucknäpfe reichlich, der Besucherandrang gemessen an anderen Publikumsveranstaltungen noch in Ordnung und das Publikum selbst entspannt und interessiert. Auch die Versorgung der Gäste ist gut. In 2017 wurde Erbsensuppe, dieses Jahr Linsensuppe gereicht. Was ich nicht verstehe ist, warum dieses deftige Gericht im Verkostungsraum warmgehalten und aufgetischt wird. Verkosten wird nicht einfacher mit Linsensuppe in der Nase. Sehr schade!

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