Beiträge

Die 50 größten Weingüter Deutschlands nach Rebfläche und der Trend zur Konsolidierung in der Branche

Beim Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft kann man nachlesen, dass sich die Weinbranche in den letzten Jahren immer weiter konsolidiert. Viele kleine Betriebe bis 1ha Rebfläche haben aufgegeben. Deren Anzahl hat sich zwischen 2010 und 2023 fast halbiert. Auch bei den Betrieben bis 10ha ist die Tendenz stark rückläufig. Siginifkante Steigerungen findet man nur bei Betrieben ab 20ha.1 Das heißt, es entstehen immer mehr große Betriebe, die einen Teil der freiwerdenden Flächen von den kleinen Betrieben übernehmen.

Die größten Weingüter Deutschlands nach Rebfläche

Doch wer sind denn nun die größten Betriebe im Land?

Ich dachte mir, es muss doch einfach sein, eine Liste der gemessen an der Rebfläche größten Weingüter in Deutschland aufzutreiben, auch um neue mit älteren Zahlen vergleichen und die großen Namen hinter der Konsolidierung in der Branche herauszufinden.

Aber da ist nichts zu finden. Das Netz ist leer!

Auf den zweiten Blick ist das nicht verwunderlich, denn zum einen gibt es keine öffentliche, namentliche Statistik der Flächen der landwirtschaftlichen Betriebe und zum anderen ist es gar nicht so einfach, halbwegs valide Zahlen zusammenzustellen.

Schließlich bin ich dann doch noch auf eine längst nur noch über das Web-Archiv zugängliche Top-50 Liste aus 2012 gestoßen, die der zu früh verstorbene Mario Scheuermann auf seinem Blog veröffentlicht hatte.

Auch er hatte große Mühe, die notwendigen Informationen zu recherchieren. Basis damals waren wohl eine wochenlange Telefonaktion und tiefe Recherche in Weinführern und Magazinen.

In den Kommentaren zu Marios Liste wird auch über Einschränkungen einer solchen Liste diskutiert. Trotz aller Mühe: Die Liste wird auch keine absolut vollständige Liste gewesen sein.

Ich habe dann selbst angefangen zu recherchieren, um die Größenentwicklung seit 2012 nachvollziehen zu können. Dabei ergaben sich für mich folgende Herausforderungen:

Wer soll in die Liste aufgenommen werden?

Mario hat damals reine bzw. überwiegende Fassweinerzeuger und Traubenbauern sowie Winzer die ihre Trauben komplett an Genossenschaften abliefern ausgenommen.

Das macht im Rahmen der Konzentration auf Weingüter im engeren Sinne auf jeden Fall Sinn, denn natürlich gibt es gerade bei den Fassweinerzeugern einige große Betriebe, die sich die Skaleneffekte bei einer stark mechanisierten Weinerzeugung zu Nutze machen. Dennoch sieht man deren Namen auf keiner Weinflasche. Auch gibt es große Genossenschaften, die selbst natürlich nicht im Weinberg tätig sind und auch Einzelgenossen, die wiederum selbst nichts auf den Markt bringen. Um ein Beispiel zu nennen: Die Agrargenossenschaft Gleina eG liefert als Einzelgenosse Trauben von rund 200ha an die Freyburger Winzergenossenschaft.

Selbst nach Telefonanrufen dürfte bei den großen Betrieben nicht immer klar sein, wie viel Prozent der geernteten Trauben letztendlich in Flaschen mit dem eigenen Firmenlogo wandern und wieviele Trauben/Weine an andere Erzeuger/Kellereien verkauft werden. Nicht jeder Geschäftsführer dürfte sich da gern in die Karten schauen lassen.

Was bedeutet Rebfläche?

Ganz eng definiert ist das die Rebfläche im Eigentum. Etwas weitergehend können die Flächen im Eigentum und zusätzlich selbstbewirtschaftete Pachtflächen betrachtet werden – das sollte der Definition des BMEL oben entsprechen. Ist man umfassend und schaut eher auf die Weinproduktion des Unternehmens insgesamt als auf die Weinberge, die selbst gepflegt werden, kann man noch Flächen von Vertragswinzern dazu zählen, die Trauben liefern.

Bei der Recherche wird es dann kompliziert. Hier und da könnten natürlich Anrufe Aufklärung bringen. Am Ende müsste man die Frage nach den Vertragswinzerflächen aber immer im Kontext mit der oben erläuterten Frage stellen, wie viel aus den Flächen letztendlich in eigenen Flaschen landet – mit den oben stehenden Problemen. Selbst bei veröffentlichten Hektar-Zahlen gibt es in einigen Fällen starke Schwankungen. Ich bin mir sicher, dass manche große Weingüter je nach Situation unterschiedliche Zahlen angeben – mal mit, mal ohne Zukauf von Vertragswinzern.

Wie vollständig ist die Liste?

Wer recherchiert muss sich die Informationen mühsam zusammenklauben. Eigentlich müsste er alle 14.200 Weinbaubetriebe in Deutschland durchleuchten. Das ist unmöglich.

Die Liste der größten Weingüter Deutschlands 2025

Trotz aller Widrigkeiten habe ich mich an die Fortschreibung der Scheuermannschen Liste gemacht. Ich habe ohne Telefonaktion, nur mittels Online-Recherche, eine aktuelle Liste erstellt. Quellen waren u.a.: Weingutshomepages, Verbandshomepages, Weinführer Eichelmann und Vinum 2025 und eine Umfrage in der Gruppe Hauptsache Wein bei Facebook.

Die Liste muss definitiv als unvollständig, ungenau und in Teilen schon wieder veraltet betrachtet werden. Definitiv beinhaltet sie eine Unwucht hinsichtlich Flächen von Vertragswinzern auf der einen und hinsichtlich Selbstvermarktungsquote von Flaschenwein auf der anderen Seite. Dennoch sollte sie einen einigermaßen guten, aktuellen Überblick geben und die meisten relevanten Weingüter beinhalten. In meiner Liste sind reine Fassweinerzeuger und Traubenbauern sowie Winzer die ihre Trauben komplett an Genossenschaften abliefern bzw. Genossenschaften selbst ausgenommen.

Der Konsolidierungsprozess hält an

Gegenüber Marios Liste aus 2012 hat sich einiges in der Weinlandschaft getan. Die Konsolidierung schreitet definitiv voran.

In Marios 2012er Liste gab es noch 43 Betriebe mit einer Fläche >=50ha. Meine zeigt schon 72. Mal schauen, vielleicht liefere ich in 5 Jahren ein weiteres Update. Ich wette, auch da werden wir eine weitere Konsolidierung sehen.

(die Platzierung bzw. Hektarzahl von 2012 aus der Liste von Mario Scheuermann in Klammern)

PlatzierungWeingutAnbaugebietRebfläche in haBemerkungen
1. (1.)Hess. Staatsweingüter GmbH Kloster Eberbach, EltvilleRheingau228 (247)
2. (2.)Stiftung Juliusspital Würzburg Stiftung des öffentlichen Rechts, WürzburgFranken180 (172)
3. (3.)Weingut 1616 Pfaffmann Heinz Stiftung, WalsheimPfalz170 (150)
4. (8.)Friedrich Kiefer KG, EichstettenBaden165 (120)großteils Bewirtschaftung durch Vertragswinzer (15ha eigene Flächen)
5. (-)Weingut Leitz KG, RüdesheimRheingau160
6. (26.)Weingut & Privatkellerei Bimmerle KG, RenchenBaden153 (70)
7. (9.)Weingut Werner Anselmann Gebrüder Anselmann GmbH, EdesheimPfalz150 (118)
8. (-)Weingut Metzger, GrünstadtPfalz140davon 45ha eigene Flächen
9. (4.)Markgräflich Badisches Weinhaus GmbH, SalemBaden135 (145)davon werden ca. 60ha in kurzfristig gerodet
10. (7.)Verwaltung der Bischöflichen Weingüter Trier GbR, TrierMosel130 (120)
11. (6.)Staatlicher Hofkeller Würzburg Körperschaft des öffentlichen Rechts, WürzburgFranken120 (120)
11. (13)Stiftung Bürgerspital zum Hl. Geist, WürzburgFranken120 (103)
11. (54.)Weingut Markus Molitor GmbH & Co. KG, Zeltingen-RachtigMosel120 (42)
12. (16.)Weingüter Heitlinger & Burg Ravensburg GmbH, ÖstringenBaden112,1 (85)
13. (10.)Weinhaus Lergenmüller GmbH, HainfeldPfalz112 (110)davon 85ha eigene Flächen, siehe auch Schloss Reinhartshausen
14. (23.)Weingut Hans Wirsching KG, IphofenFranken107,8 (75)
15. (11.)Heinrich Vollmer GmbH & Co. KG, EllerstadtPfalz104 (105)
16. (37.)Peter Mertes Familienweingüter KG, Bernkastel-KuesMosel100 (60)
17. (41.)Weingut Knipser GbR, LaumersheimPfalz99,7 (53)
18. (27.)Julius Zotz KG, HeitersheimBaden98 (70)
19. (51.)Van Volxem Weinmanufaktur GmbH & Co. KG, WiltingenMosel95 (45)
20. (47.)Von Winning Weingut GmbH, DeidesheimPfalz93 (46)
21. (-)Weingut Dr. Loosen, Bernkastel-KuesMosel92,9stark schwankende Angaben in den Quellen
22. (36.)Weingut Markus Schneider, EllerstadtPfalz92 (60)
23. (12.)Sächsisches Staatsweingut GmbH Schloss Wackerbarth, RadebeulSachsen90 (104)
23. (-)Holz-Weisbrodt HW – Die Weinfamilie GmbH & Co. KG, WeisenheimPfalz90
24. (17.)Weingut Robert Weil KG; KiedrichRheingau89,9 (85)
25. (15.) Weingut Dr. Bürklin Wolf e.K., WachenheimPfalz84,7 (86)
26. (22.)Weingut Schloss Reinhartshausen GmbH & Co. KG, EltvilleRheingau80 (76)siehe auch Lergenmüller
26. (43.)Weingut Matthias Keth, OffsteinRheinhessen80 (50)
27. (39.)Weingut Knöll & Vogel GbR, Bad BergzabernPfalz78 (56)
28. (24.)Herrengut St. Martin, Consulat des Weins GmbH, Sankt, MartinPfalz75 (71)
28. (-)Weingut Spanier-Gillot GbR, BodenheimRheinhessen75davon 25 Kühling-Gillot
29. (-)Weingut Raabe, Sankt MartinPfalz74
30. (25.)Fürstl. Castell’sches Domänenamt e.K., CastellFranken73,3 (70)
31. (-)Weingut Benz GbR, Lauda-KönigshofenBaden72
32. (14.)Schloss Proschwitz, Prinz zur Lippe GmbH & Co. KG, MeißenSachsen70 (88)
32. (18.)Wein- und Sektkellerei Jakob Gerhardt Niersteiner Schlosskellereien GmbH & Co. KG, NiersteinRheinhessen70 (84)
32. (29.)Weingut Fritz Allendorf – Georgshof, Oestrich-WinkelRheingau70 (63)
32. (33.)Karl Pfaffmann GmbH & Co. KG, WalsheimPfalz70 (60)
32. (-)Weinkellerei „Altes Schlösschen“ Ludwig Schneider GmbH, Sankt MartinPfalz70
33. (21.)Weingutsverwaltung Schloss Vollrads KG, Oestrich-WinkelRheingau68 (80)
34. (-)Weingut Künstler, HochheimRheingau65
34. (-)Weingut Bernhard Mehrlein, Oestrich-WinkelRheingau65
34. (-)Weingut Achim Hochthurn, HorrweilerRheinhessen65
35. (-)Weingut Kruger-Rumpf GbR, Münster-SarmsheimNahe64
36. (30.)Staatsweingut Meersburg, Landesbetrieb, MeersburgBaden63 (63)
36. (45.)Weingut Hammel GmbH, KirchheimPfalz63
37. (-)Weingut Philipp Kuhn, LaumersheimPfalz61,3
38. (31.)Weingut Reichsrat von Buhl GmbH, DeidesheimPfalz60,4 (62)
39. (34.)Weingut Spielmann-Schindler, Bobenheim am BergPfalz60 (60)
39 (35.)Weingut Schales eGbR, Flörsheim-DalsheimRheinhessen60 (60)
39. (50.)Weingut Albert Kallfelz GmbH, ZellMosel60 (45)
39. (-)St. Antony Weingut GmbH & Co. KG, NiersteinRheinhessen60
40. (-)Wageck Wine GmbH, BissersheimPfalz59
41. (-)Weingut Sonnenhof Karl Schäfer & Söhne eGbR, Bockenheim an der WeinstraßePfalz58
42. (49.)Balthasar Ress Weingut KG, EltvilleRheingau55 (45)
42. (-)Weingut Wilhelm Zähringer GmbH, HeitersheimBaden55
42. (-)Weingut Mussler, BissersheimPfalz55
43. (46.)Georg Apfelbacher Weingut-Weinkellerei e.K., DettelbachFranken54 (46)
43. (-)WEingut Jung & Knobloch GbR, AlbigRheinhessen54
44. (32.)Weingüter Geheimrat J. Wegeler GmbH & Co. KG, Oestrich-WinkelRheingau&Mosel53,4 (62)
45. (-)Weingut Bernhard Koch KG, HainfeldPfalz53
46. (42.)Geheimer Rat Dr. von Bassermann-Jordan GmbH, DeidesheimPfalz51,9 (53)
47. (-)Weingut Josef Spreitzer, Oestrich-WinkelRheingau51,5
47. (-)Fürst von Metternich Winneburg’sche Domäne Schloss Johannisberg GbR, GeisenheimRheingau51,5
48. (20.)Weingut Fritz Walter, NiederhorbachPfalz50 (80,1)
48. (40.)Landesweingut Kloster Pforta GmbH, Naumburg/SaaleSaale-Unstrut50 (53,5)
48. (52.)Thüringer Weingut „Sonnenburg“ Bad Sulza GmbH, Bad SulzaSaale-Unstrut50 (43)
48. (-)Reichsgraf von Kesselstatt GmbH, MorscheidMosel50
48. (-)Weingut Aufricht GbR, StettenBaden50
48. (-)Weingut Johannes Freiherr von Gleichenstein, Vogtsburg i.K.Baden50
48. (-)Weingut Wilker, PleisweilerPfalz50
48. (-)Weingut Villa Hochdörffer, LandauPfalz50
48. (-)Weingut Landgrafenhof GbR, SaulheimRheinhessen50
49. (38.)Weingut Franz Keller GmbH & Co. KG, Vogtsburg i.K.Baden48,7 (57)
50. (-)Baldauf Ramsthal GmbH & Co. KG, RamsthalFranken48
— (28.)G. H. von Mumm’sches Weingut KG, GeisenheimRheingau0 (65)Weingut nicht mehr aktiv
— (44)Karl Karle GmbH, Ihringen a.K.Baden45 (48)
— (48)Weingut Schloss Ortenberg GmbH & Co. KG, OrtenbergBaden45 (45)
— (19)Weingut Graf von Schönborn, Schloss Halburg, VolkachFranken30 (82)Verkauf der Rheingauer Weinberge
— (5)Weinkellerei Schick GbR, WeisenheimPfalz27 (142)

Letzte Aktualisierung: 01.03.2025 – Leserfeedback.

Ergänzungs- oder Korrekturwünsche gern per Mail direkt an mich.

  1. https://www.bmel-statistik.de/landwirtschaft/bodennutzung-und-pflanzliche-erzeugung/weinbau ↩︎

VDP.Weinbörse in der Rheingoldhalle Mainz am 28. und 29. April 2024 – Teil 2: Silvaner und Spätburgunder

In Teil 1 könnt ihr allgemeines zur VDP.Weinbörse und unsere bunten Erfahrungen mit Weißburgunder und Chardonnay nachlesen, hier in Teil 2 folgen noch unsere Tipps zu Silvaner (Franken) und Spätburgunder (Franken, Pfalz, Rheinhessen und Baden).

 

Für alle Tipps gilt folgender Disclaimer: Erst vor kurzem abgefüllte Weine sind häufig noch etwas durcheinander und etwas „quietschig“ in der Aromatik, Fassproben dagegen ggf. noch sehr von Hefe geprägt und damit mit einem leichten „Geschmacksschleier“ versehen. Hinzu kommen die Verkostungsumstände in der Messehalle. Da ist es nicht immer einfach die Perlen zuverlässig herauszupicken. Wir gaben uns alle Mühe.

 

Antrinktipps Silvaner (Franken)

Der überwiegende Teil der Silvaner stammt aus dem Jahrgang 2023. Das Jahr hatte für die Winzer wieder einige Herausforderungen zu bieten. Das Frühjahr war viel zu trocken, dafür kam im Sommer dann Regen und Feuchtigkeit auf, was den Pilzdruck massiv erhöhte. Der viele Regen ließ aber auch die Trauben schnell wachsen und reifen, sodass es relativ früh im Jahr mit der Lese schnell gehen musste, weil alles gleichzeitig reif wurde.

Qualitativ scheint 2023 für Silvaner ein guter Jahrgang zu sein. Die Weine sind nicht zu fett geraten und strahlen Eleganz aus.

 

Fürstlich Castell’sche Domäne

Beim Fürsten aus Castell werden die GG seit kurzem erst nach 5 Jahren auf den Markt gebracht, die ersten Lagen erst nach 2 Jahren. Ein starkes Statement!

Auch beim sehr guten Casteller Silvaner Ortswein ist aktuell 2022 noch im Verkauf.

Insgesamt sind eine Qualitätssteigerung und größere Qualitätskonstanz in den letzten Jahren klar festzustellen.

Die beiden gezeigten ersten Lagen zeigen das deutlich und könnten auch als GG durchgehen.

Der 2022er Casteller Kugelspiel Silvaner 1G zeigt etwas mehr Frucht, während der 2022er Casteller Hohnart Silvaner 1G rauchiger und nussiger ist.

Der 2018er Casteller Schlossberg Silvaner GG zeigt mit 14% Alkohol klar, dass er aus einem warmen Jahr kommt, trotzdem ist aromatisch über 5 Jahre nach der Ernte alles am richtigen Platz, der Wein ist zwar klar warm – schmelzig, aber keineswegs alkoholsüß oder unrund. Ein schöner Essensbegleiter, gerade, wenn man zuhause keinen Keller hat, um junge Weine selbst reifen zu lassen.

 

Juliusspital

Beim Juliusspital hat der 2023er Iphöfer Kronsberg Silvaner 1G deutlich die Nase vor dem Klassiker aus dem Würzburger Stein.

Um zu zeigen, wie gut Silvaner reifen kann, hat das Juliusspital auch den 2014er Würzburger Stein Silvaner EL zur Verkostung angestellt. Da 2014 für mich ein großartiges Silvanerjahr war, war meine Erwartungshaltung groß und wurde nicht enttäuscht. Der Wein war in einem Top Zustand. Natürlich mittlerweile in Ehren gereift und von der Komplexität her nicht ganz GG-Niveau, aber immer noch saftig und mit wunderschöner Mineralität. 13,00 EUR hat das ganze damals gekostet. Hätte, hätte, Fahrradkette…

 

Fürst Löwenstein

Das Weingut hat in den letzten Jahren gerade in der Spitze nicht immer eine gleichbleibende Qualität abgeliefert. Der 2021er Fürstlicher Kallmuth Silvaner GG „Asphodill“ hat aber alles was ein Silvaner GG braucht. Beim Asphodill gibt es zusätzlich auch immer noch die schöne Aromatik des einzigartigen Homburger Kallmuth dazu. Sehr schön!

 

Zehnthof Luckert

Muss ich tatsächlich noch etwas darüber schreiben?

Gezeigt wurden unter anderem:

2023er Sulzfelder Silvaner

2023er Sulzfelder Silvaner Alte Reben

2022er Sulzfelder Berg Silvaner 1G

2022er Sulzfelder Maustal Silvaner GG

Der elegante, moderne Stil begeistert uns immer wieder. Die 23er Ortsweine rangieren qualitativ nicht weit unter dem 22er Sulzfelder Berg, der ein bisschen feiner und zurückhaltender scheint als sein nicht gezeigter Bruder „Gelbkalk“ aus dem Sonnenberg. Der Sulzfelder Berg wurde bis vor 2 Jahren exklusiv für einen Händler abgefüllt und befindet sich seitdem im regulären Weingutsportfolio. Das GG ist sicher einer der größten auf der Messe probierten Weine.

 

Rudolf May

Die Weine von Rudolf und Benedikt May waren über die gesamte Kollektion hinweg ähnlich begeisternd wie die von Zehnthof Luckert.

Gezeigt wurden unter anderem:

2023er Retzstadter Silvaner

2022er Retzstadter Langenberg Silvaner 1G

2022er Retzstadter Langenberg Der Schäfer Silvaner 1G

2022er Retzstadter Langenberg Himmelspfad Silvaner GG

Der Abstand vom 23er Ortswein zum 22er 1G war etwas größer als bei Luckerts, natürlich ergibt sich trotzdem eine wunderbare Qualitätspyramide. Die 2022er hatten wir auf der Jahrgangspräsentation letztes Jahr teilweise als Fassprobe schon vor Ort in Retzstadt verkostet. Schön zu sehen ist, wie gut sich der Himmelspfad entwickelt hat, der sein großes Potential letztes Jahr noch nicht zeigen wollte.

Alle Weine haben ordentlich Grip, sind elegant, trocken und komplex. Der Schäfer ist Mays Holzfassversion des Silvaners. Der Schäfer ist in den letzten Jahren auch immer feiner geworden, das Holz ist schon zu Beginn besser eingebunden, auch wenn auch dem 2022er die zusätzlichen Monate nach der letzten Jahrgangspräsentation ebenfalls gutgetan haben. Sehr schön.

Holz gab es dann auch beim 2022er „Kniebrecher“ Silvaner zu schmecken. Da es sich bei dem Wein um eine Lagencuvee aus Himmelspfad und Rothlauf handelt, läuft er außerhalb der VDP-Klassifikation. Die besten Moste aus den beiden Weinbergen werden für den Wein in zwei Barriques ausgebaut und kommen durch die lange Fassreife noch ein Jahr später auf den Markt als die GG. So war der Wein im aktuellen „Sneak Preview“ auch einfach blutjung, aber eben auch enorm tief und sicher mit dem Potential ausgestattet ein großer Wein zu werden. Sehr spannend!

 

Schmitt’s Kinder

Das Randersackerer Weingut fliegt immer ein bisschen unter dem Radar, liefert aber jedes Jahr zuverlässig sehr gute Weine.

Die 23er ersten Lagen liefern ziemlich ab. Der 2023er Randersackerer Marsberg Silvaner 1G ist dabei würziger und mineralischer und liegt damit etwas vor dem braveren 2023er Randersackerer Sonnenstuhl Silvaner 1G. Der Abstand vom Marsberg zum ebenfalls sehr schönen, komplexen aber relativ warmen 2022er Randersackerer Pfülben Silvaner GG ist ziemlich klein.

 

Horst Sauer

Der 2023 Escherndorfer Fürstenberg Blauer Silvaner 1G zeigt die für die Silvanerspielart mit den grau bis violetten Beeren typische kräutrig erdige Würze und Rotbeerigkeit und scheint mir ein bisschen straffer zu sein als der gleiche Wein im Vorjahr.

 

Paul Weltner

Paul Weltner hatte unter anderem den 2023er Rödelseer Küchenmeister Silvaner 1G und den 2023er Iphöfer Julius-Echter-Berg Silvaner 1G angestellt. Wie jedes Jahr sind das kleine GGs. Beeindruckende Qualitätskonstanz!

 

Antrinktipps Spätburgunder (Franken, Pfalz, Rheinhessen und Baden)

Franken
Rudolf Fürst

Die gezeigten Ortsweine und das erste Gewächs aus dem Bürgstadter Berg machen wieder deutlich, warum Rudolf Fürst zu den besten Spätburgunderwinzern im Lande zählt.

Bei den Ortsweinen ist der 2022er Bürgstadter Spätburgunder der „bravste“, der 2022er Klingenberger Spätburgunder dank der typischen Klingenberger Würze der mit der spannensten Aromatik. Da Fürsts USP die ausgewogene Erhabenheit der Weine ist, empfehlen wir aus dem Ortsweintrio klar den 2022er Großheubacher Spätburgunder, der etwas eleganter ist als der Klingenberger, aber mit der feinen Würze zeigt, dass der Großheubacher Bischofsberg die Verlängerung des Klingenberger Schlossbergs darstellt. Dabei ist der Großheubacher neu im Portfolio und ist in den letzten Jahren mit im Spätburgunder Tradition gelandet.

 

Pfalz
Friedrich BeckerFriedrich Becker

Wovor Friedrich Becker keine Angst hat ist Tannin, das steht völlig außer Frage und zeigt sich sowohl bei den weißen Burgundersorten als auch beim Spätburgunder. In diesem Fall sollte man sich davon nicht abschrecken lassen, denn die Weine reifen in der Regel wunderbar und das Tannin wird weicher und bindet sich ein. Schon der Gutswein, der 2019er Friedrich Becker Spätburgunder zeigt gut, wo die Reise hingeht. Natürlich ist das ein Gutswein für Freaks und nicht für Freunde des beiläufigen Weinchens. Und auch den Gutswein sollte man durch aus noch einige Jahre reifen lassen.

Der Abstand zwischen Ortswein und erster Lage ist gar nicht so groß, sodass wir zum probieren den 2019er Schweigener Pinot Noir empfehlen. Der 2019er Schweigener Sonnenberg Sankt Paul Pinot Noir GG und der 2019er Schweigener Sonnenberg „KB“ Pinot Noir GG sind Monumente – zu trinken in 10 Jahren.

 

A. Christmann

Tatsächlich hatten wir bisher noch wenig Gelegenheit die begehrten Spätburgunder nach der stärkeren Fokussierung durch die nächste Generation zu verkosten. Klar ein Fehler, denn das, was dort produziert wird ist durch die Bank weg großartig und gehört sicher zur deutschen Spitze.

Das fängt schon an beim aktuell etwas verschlossenen 2022er Spätburgunder Aus den Lagen und zeigt sich gut bei allen 3 ersten Gewächsen. 2022er Mußbacher Eselshaut Spätburgunder 1G, 2022er Königsbacher Ölberg Spätburgunder 1G und 2022er Gimmeldinger Biengarten 1G. Einen Favoriten zu wählen macht hier keinen Sinn, das ist alles extrem fein und elegant und wird mit etwas Reife viel Spaß machen.

 

Knipser

In meiner Weinbubble spielt das Weingut keine große Rolle, dabei ist Knipser sicher ein Pionier des modernen Qualitätsweins in der Nordpfalz. Stilistisch ist das Weingut halt sehr klassisch, die Weine sind aromatisch nicht besonders „aufregend“ aber durchaus von beeindruckender Qualität. Der 2019er Blauer Spätburgunder ist ein hervorragendes Exemplar eines Gutsweins. Frucht, Würze, Mineralität bilden eine harmonische Einheit. Kein intellektueller Wein, kein Freakwein, aber trotzdem qualitativ hochwertig.

Der 2019er Laumersheimer Kirschgarten Spätburgunder GG betont trotz Barriqueausbau in neuen und gebrauchten Barriques klar die fruchtige Seite mit Kirschen und roten Beeren, hat aber auch eine feine, feste Struktur mit weichem Tannin und viel Mineralität. Sehr elegant.

 

Philipp Kuhn

Philipp Kuhn hatte 2 Spätburgunder GG dabei. Darunter auch einen Kirschgarten. Der 2020er Laumersheimer Kirschgarten Pinot Noir GG hat ebenfalls eine wunderbare Frucht, ist aber etwas üppiger und dichter als die Version von Knipser. Der Holzeinsatz ist dabei aber sehr fein, auch im Vergleich zu anderen Weinen aus dem Hause Kuhn. Der 2019er Laumersheimer Steinbuckel Pinot Noir GG ist aromatisch anders. Etwas rauchiger und lauter. Er wird sicher etwas später als der Kirschgarten seinen Genusshöhepunkt erreichen.

 

Rings

Beeindruckend bei Rings ist schon die Qualität vom 2022er Spätburgunder Gutswein und 2022er Kallstadter Spätburgunder Ortswein. Das ist etwas, dass Rings jedes Jahr auszeichnet. Die ersten Lagen, der 2022er Leistadter Kalkofen Spätburgunder 1G und der 2022er Kallstadter Steinacker 1G gefallen uns besser als im kühlen 2021 davor. Der wärmere Jahrgang harmoniert aus unserer Sicht besser mit der kühlen Stilistik des Weinguts.

 

Baden
Bercher

Dass Marcus Hofschuster von Wein-Plus Bercher mit dem Titel Kollektion des Jahres ausgezeichnet hat verwundert nicht. Der 2019er Burkheimer Ortswein ist für schlanke 11,50 EUR eine echte Empfehlung für einen eleganten nicht komplizierten klassischen Spätburgunder mit Anspruch. Der 2019er Sasbacher Limburg Spätburgunder 1G ist natürlich tiefer und komplexer, ist aber ebenfalls eher kühl, mit feinem Termin und Saftigkeit.

 

Dr. Heger

Der Hegersche Spätburgunder Stil ist sicher nicht der kühlste in Baden. Die Weine haben alle Kraft, aber sind auch nie überbordend fett. Der 2020er Ihringer Spätburgunder zeigt schon viel Tiefe und Länge, auch der 2020er Ihringer Vorderer Winklerberg Spätburgunder GG und der 2020er Achkarrer Schlossberg Spätburgunder GG haben uns sehr gut gefallen.

 

HeitlingerHeitlinger

Bei Heitlinger wird es wieder kühler, beim 2020er Tiefenbacher Pinot Noir auch ätherisch und etwas wilder. Spaß macht der Wein mit seiner Komplexität und Salzigkeit dennoch.

 

Bernhard Huber

Der 2022er Malterdinger Spätburgunder und der 2022er Malterdinger Spätburgunder Alte Reben präsentierten sich schon offen und gewohnt fein.

 

Salwey

Was für die weißen Burgundersorten gilt, gilt auch für die Spätburgunder. Salweys kühler, ruhiger Stil ist ziemlich einzigartig. Uns gefällt das sehr gut. Gezeigt wurden 2021er Oberrotweiler Spätburgunder, 2020er Oberrotweiler Henkenberg Spätburgunder GG und 2020er Oberrotweiler Kirchberg Spätburgunder GG

 

Rheinhessen

Wenige Weingüter hatten Spätburgunder zur Verkostung mitgebracht.

 

J. Neus

Wie bei den Weißburgunder/Chardonnay bereits besprochen, scheint sich das neue Team einzuspielen. Der 2021er Ingelheimer Spätburgunder Alte Reben ist hier unser Antrinktipp. Die Großen Gewächse, der 2021 Ingelheimer Horn Spätburgunder GG und der 2021 Ingelheimer Pares Spätburgunder GG sind ebenfalls sehr schön, der Abstand in Sachen Komplexität und Länge zum Ortswein könnte allerdings noch etwas größer sein.

 

Was war sonst noch empfehlenswert:

Martin Schwarz – Sachsen: Wer etwas in die Finger bekommt, probieren! Das Weingut ist klein, die Flaschen begehrt. Das ist Sachsen next level, nicht erst seit der VDP-Aufnahme.

 

Schlör – Baden – Schwarzriesling: Im Champagner selbstverständlich, als Rotwein meist eher schwierig. Bei Schlör nicht. Der 2021er Reicholzheimer First Schwarzriesling „R“ 1G bietet extrem viel Wein fürs Geld. Das ist GG-Niveau. Der 2020er Reicholzheimer First „Fyerst 1476“ Schwarzriesling GG legt noch eine kleine Schippe drauf, ist aber noch verschlossen und braucht Zeit.

VDP.Weinbörse in der Rheingoldhalle Mainz am 28. und 29. April 2024 – Teil 1: Lost in Weißburgunder und Chardonnay

Franken und RheinhessenIm Mai 1974 fand die Weinbörse das erste Mal statt. Damals hieß sie noch „Rheinhessische Rieslingbörse“ und wurde vom Vorgänger des VDP Rheinhessen veranstaltet. Schon zwei Jahre später wurde sie zur Weinbörse und Betriebe aus dem Rheingau und von der Nahe schlossen sich an.  Damit feiert die Messe dieses Jahr ihren 50. Geburtstag. Statt 1974 elf Weingüter mit 105 Weinen waren dieses Jahr 191 von 200 VDP-Betrieben mit insgesamt fast 1700 Weinen vor Ort. Über 3000 Fachbesucher aus aller Welt haben sich über den neuen Jahrgang informiert. Damit ist die Weinbörse sicher die wichtigste Veranstaltung für den deutschen Wein, auch wenn Sie sich auf die Mitgliedsbetriebe des VDP beschränkt. Auch die Leistung der kleinen Bundesgeschäftsstelle des VDP als Organisator der Veranstaltung ist unbedingt hervorzuheben. Es muss ein ziemlicher Kraftakt für das Team sein.

Daher an dieser Stelle vielen Dank!

 

Magnums

Zur 50. Ausgabe gab es exklusiv eine Magnum jedes Weinguts mit individuellem Etikett

Aufgrund der großen Weinanzahl ist für den berichterstattenden Besucher Fokussierung und Einschränkung Pflicht, zumal jeder Plan sowieso zum Scheitern verurteilt ist, weil man parallel immer auf viele bekannte Gesichter trifft und immer wieder von netten Gesprächen abgelenkt wird.

Bei unseren vergangenen Besuchen lag der Fokus auf Regionen, dieses Mal haben wir uns auf Rebsorten fokussiert: Silvaner, Spätburgunder, Weißburgunder und Chardonnay aus Franken, Baden, Rheinhessen und der Pfalz waren unser Ziel. Auch hier mussten wir Abstriche machen und konnten nicht alle Weingüter besuchen. Die Chardonnay- und Weißburgunderrunde hat uns darüber hinaus besonders gefordert. Bevor wir also zu den ausschließlich positiven Antrinktipps von Silvaner und Spätburgunder kommen, erst einmal mehr zu unserer Odyssee durch die Weißburgunder und Chardonnays.

 

Für alle Tipps gilt folgender Disclaimer: Erst vor kurzem abgefüllte Weine sind häufig noch etwas durcheinander und etwas „quietschig“ in der Aromatik, Fassproben dagegen ggf. noch sehr von Hefe geprägt und damit mit einem leichten „Geschmacksschleier“ versehen. Hinzu kommen die Verkostungsumstände in der Messehalle. Da ist es nicht immer einfach die Perlen zuverlässig herauszupicken. Wir gaben uns alle Mühe.

 

Die Frage aller Fragen: Was ist Pfälzer, badischer, rheinhessischer, fränkischer Weißburgunder bzw. Chardonnay?

Weißburgunder ist eine deutsch/italienisch/österreichische Angelegenheit. Nur da wachsen signifikante Mengen. In Frankreich sind die Mengen auch beachtlich, doch wird hier wohl abgesehen vom Elsass der meiste Pinot Blanc für die Champagner-Produktion verwendet und nicht als Stillwein ausgebaut.

Beim Chardonnay ist das anders. Das Zeug wächst überall auf der Welt.

Frankreich und die USA sind führend und besitzen gemeinsam eine Chardonnay-Anbaufläche die der gesamten Weinbaufläche Deutschlands entspricht, wobei in Frankreich über 20% wieder in Champagner fließt. Aber auch Chile, Südafrika, Spanien und China sind in den Top 10 der Anbauländer. Deutschland ist unter „ferner liefen“, zudem wurde die Rebsorte in Deutschland erst 1994 zum Anbau zugelassen.

Weltberühmt sind die französischen Appellationen im Burgund und Chablis, aber spätestens seit der berühmten Verkostung der „Weinjury von Paris“ 1976 weiß man, dass Kalifornien hier in der Spitze mithalten kann.

Namhafte Weine kommen aber eben auch aus Australien oder der österreichischen Südsteiermark, wo die Rebsorte auch Morillon genannt wird. In Italien steht Chardonnay in der Regel in den Weinbaugebieten in Alpennähe, wo er allerdings bis in die 1980er Jahre einfach auch als Pinot Bianco etikettiert wurde.

Der kleine Abriss über die Verbreitung der Rebsorten ist insofern wichtig, dass man vermuten könnte, dass es zumindest beim Weißburgunder eine gewisse Tradition geben muss. Ein verbindendes Element in den Anbaugebieten quasi. Während beim Chardonnay durch die späte Zulassung und der Vielzahl von Vorbildern man eine gewisse Heterogenität erwarten kann. Und natürlich war mir aufgrund der vielen bereits verkosteten und getrunkenen Weine aus den Rebsorten klar, dass es bunt wird.

Aber bei so vielen Weinen in kurzer Zeit zeigt sich die Heterogenität nochmal viel deutlicher und die Verkostung wird schwieriger als gedacht. Bei beiden Sorten.

 

Auf der Geschmacksachterbahn

Das macht schon die Verkostung zu einer Herausforderung. 50+ trockene Lagenrieslinge verkosten sich mit etwas Übung eigentlich ganz gut. Mal sind sie komplexer, mal weniger komplex, mal etwas süßer, mal trockener, mal etwas „konventioneller“, mal etwas „moderner“ in der Stilistik, aber selten ist der nächste Wein ganz anders als der vorherige. Sie sind immer Rieslinge.

Bei unserer Weißburgunder/Chardonnay-Runde war das anders. Jeder Wein ist anders. Eine geschmackliche Achterbahnfahrt.

Auch die Erläuterungen der Winzer sind meist viel komplexer als beim Riesling. Die auch beim Riesling üblichen Themen sind Maischestandzeit, Holz oder Stahl, Feinhefelager, Spontangärung oder Reinzuchthefe. Bei Weißburgunder/Chardonnay kommt dazu: Welcher Holzanteil, welches Holz, welche Fassgröße, welches Toasting, wieviel Neuholz, alle Partien mit biologischem Säureabbau oder nicht, Vollhefe- und/oder Feinhefelager, ob, wie oft und wie aufgerührt, wie reduktiv und und und. Da schwirrt einem der Kopf!

Entsprechend riesig ist die Bandbreite:

  • Holzbetont und exotisch vanillig kraftvoll warm.
  • Holzbetont und eher kühl und straff
  • Wenig holzbetont und trotzdem cremig nussig
  • Wenig Holzbetont und kühl und straff
  • Ohne Holz und ausgewogen
  • Ohne Holz und cremig

Und alles dazwischen und alles in konventioneller oder moderner Stilistik, mal etwas (extrakt-)süßer, mal staubtrocken, mal komplexer, mal weniger komplex, mal alkoholreich, mal weniger, mal mehr und mal weniger reduktiv.

Aber auch bei Trinkern polarisieren die Weine. Natürlich trifft man auch bei Rieslingen auf Restzuckerallergiker oder Säurefanatiker, das ist aber nichts gegen Chardonnay. Das hätte auf der Weinbörse leicht im Ehekrach enden können. Als ich neulich zu einem weinaffinen Grillevent eine Magnum eines komplexen, duftigen, hoch bepunkteten Pfälzer Chardonnay mitbrachte und die Mittrinker nach ihrer Meinung frage, bekam ich von einem sehr erfahrenen Weinfreak direkt gesagt: „Der schmeckt mir überhaupt nicht, der ist ja viel zu laut“. Ich sag mal so, bei einem 92 Punkte Riesling GG wäre das so nicht passiert. Eventuelle Kritik wäre deutlich dezenter geäußert worden: „Der könnte etwas schlanker sein.“ „Hintenraus scheint er etwas süßlich“.

 

Wo bleibt das Terroir?

Diese Frage ist für mich auch nach der Powerverkostung nicht so leicht zu beantworten. Terroir wird in der Fachliteratur als Zusammenspiel zwischen Rebsorten, Klima, Bodentyp, Topographie/Kleinklima und Vinifikation gesehen. Das die Sorte die topographischen/kleinklimatischen Unterschiede und die Unterschiede über die Jahrgänge gut zeigt ist klar. Die Mehrheit der befragten Fachleute sagt auch, dass Chardonnay den Boden, auf dem er wächst in den Geschmack übernehmen kann. Ehrlich gesagt bräuchte ich da mehr zielgerichtete Verkostungen um das für mich zu verifizieren. Eins ist uns aber auf jeden Fall klar geworden: Holzeinsatz, Hefelager, Reduktion und andere Maßnahmen der Vinifikation – also quasi die Handschrift des Winzers sind bei den getrunkenen Weintypen viel nachhaltiger am Entstehen des Geschmacksbilds beteiligt als der Boden. Sicher ist das auch ein Teil des weltweiten Erfolges der Rebsorte. Nur mit unverwechselbarem Terroir hat das nur dann zu tun, wenn es regional eine Tradition und ähnliches Vorgehen gibt. Der „internationale Stil“ hat kein Terroir.

 

Erfreuliches Qualitätsniveau

Bei den Lagenweinen waren qualitativ ein paar absolute Holzbomben auszusortieren sowie wie immer ein paar minderkomplexe Exemplare, ansonsten gab es schon viele sehr gute und einige hervorragende Weine, auch wenn man auf deutlich weniger hervorragende Exemplare trifft als bei einer Riesling-Lagenweinverkostung.

Auch die kraftvollen, holzbetonten Exemplare nehme ich explizit nicht aus der Runde der sehr guten und herausragenden Weine aus, auch wenn sie aktuell eher unmodern sind. Mit ein bisschen Flaschenreife sind das schließlich gute Essensbegleiter, die bei genug Komplexität auch spannend sind und hohe Bepunktungen verdienen. Die straighteren, kühleren, feineren Exemplare haben aber sicher häufiger das Zeug dazu, wirklich große Weine zu werden, auch unabhängig davon, ob man mehr oder weniger Holz einsetzt. Wobei bei maximierter Kühle und Säure auch immer die Gefahr besteht, zu früh zu ernten und unrunde unreife Aromen in den Wein zu bekommen.

Ganz ohne Holz im Guts- oder Ortsweinbereich finde ich insbesondere den Chardonnay schwierig. Die Aromatik driftet schnell in Richtung überreifes Fallobst und nasses Papier. Ein bisschen wie beim einfachen Grauburgunder, nur noch schlimmer. Beim Weißburgunder waren ein paar ordentliche holzarme bzw. holzfreie Exemplare zu finden, bei denen Frische bewahrt und auf eine klare und feine Fruchtaromatik gesetzt wurde.

 

Chardonnay und Weißburgunder als GG und 1G – sinnvoll oder nicht?

Also gibt es insgesamt zwar gewisses Verbesserungspotential in Sachen Qualität, um zum Flaggschiff Riesling aufzuschließen, die Situation ist aber keineswegs schlecht. Es gibt genug herausragende Exemplare um zu sagen: Beide Rebsorten gehören zu den Topsorten in Deutschland.

Dennoch sind die Sorten nicht überall im VDP für Große und erste Gewächse zugelassen:

GebietGG1G
Ahr--
BadenWB. CHWB. CH
FrankenWBWB. CH
Mittelrhein--
Mosel--
Nahe--
PfalzWBWB. CH
Rheingau--
Rheinhessen-WB. CH
Sachsen/Saale-UnstrutWB. CHWB. CH
WürttembergWBWB, CH

Gerade mit Blick auf die immer hervorragenden Astheimer Orts-Chardonnays von Fürst habe ich bereits in einigen Diskussion meinungsstark die These vertreten, Chardonnay muss Großes Gewächs sein dürfen.

Nach unserer großen Verkostung in Mainz bin ich da künftig leiser. Wenn die GG-Zulassung einer Sorte bedeutet, dass herausragende Weine in irgendeinem Stil dort erzeugt werden können, könnte man weiter auf dem Standpunkt stehen, dass alle Regionen die das für relevant halten, Chardonnay/Weißburgunder als GG zulassen können sollten.

Wenn ich aber etwas weiterdenke und sage es braucht auch eine gewisse regionale Typizität bzw. Tradition, die sich im Geschmack der Weine widerspiegelt – also einen Terroirgedanken – (den es bei Riesling GG zweifelsohne gibt), dann komme ich zu dem Schluss, dass man auch von 1G Chardonnays Abstand nehmen sollte und auch die Bewertung des Weißburgunders in Frage stellen kann. Es gibt nämlich keinen einigermaßen wiederkennbaren Chardonnay oder Weißburgunder-Lagenweintyp in den Regionen – für eine Markenbildung keine gute Voraussetzung. In dem Kontext erscheinen mir Guts- bzw. Ortswein die bessere Heimat für die vielen individuellen Spielarten. Das gilt im übrigen nicht nur für den VDP, sondern aus meiner Sicht erst recht für die Ausgestaltung der Lagenweinprofile nach neuem Weinrecht in den Schutzgemeinschaften.

 

Antrinktipps

Bei unseren Antrinktipps haben wir daher versucht, die sehr guten und herausragenenden Weine in Kategorien einzusortieren. Richtig zufrieden sind wir nicht, weil selbst innerhalb der Kategorien wenig Vergleichbarkeit herrscht. Die Weine, die uns jeweils am besten gefallen haben erkennt der Leser am ●.

 

Rheinhessen

Straight (kühle Aromen dominieren, eher säurebetont, keine überreifen Fruchtnoten, keine große Extraktsüße) und holzbetont

Bischel: 2022er Réserve Chardonnay

 

Straight und ausgewogener Holzeinsatz

Neus Schlossberg ChardonnayJ. Neus: 2022er Ingelheimer Chardonnay ●, 2022er Ingelheimer Schlossberg Chardonnay 1G ●

Nach vielen Veränderungen bei den handelnden Personen im Gut scheint man in Ingelheim insgesamt auf einem guten Weg. Die Weine sind nicht mehr so progressiv wie teilweise bei dem früheren Team, sondern ruhen nun mehr in sich. Sehr schön!

 

Kraftvoll (warme Aromen dominieren, süße Fruchtnoten, Extraktsüße, vanillige Holznoten) und holzbetont

Gutzler: 2022er Westhofener Chardonnay

 

 

Pfalz

Straight und holzbetont

Friedrich Becker: 2021 Schweigener Chardonnay ●, 2019 Chardonnay Mineral●, 2020 Weißer Burgunder Reserve●
Bei Becker sticht überall die hohe aber präzise Säure heraus. Darauf angesprochen verriet Friedrich Junior, dass man darauf achte, dass nicht jedes Gebinde einen biologischen Säureabbau macht. Aus meiner Sicht schafft das viel mundwässernden Trinkspaß, obwohl ähnlich wie bei Beckers Spätburgundern der Holzeinsatz schon ziemlich kraftvoll ist und die Weine damit einfach mehr Zeit brauchen, bis sie sich geschmacklich rund präsentieren. Auch der 2019er Mineral kann hier ganz sicher noch liegen bleiben.

 

Straight und ausgewogener Holzeinsatz

Jülg: 2023 Rechtenbacher Pfarrwingert Weißburgunder 1G, 2023 Schweigener Chardonnay, 2023 Rechtenbacher Pfarrwingert Chardonnay ●

Ökonomierat Rebholz: 2022 Chardonnay „R“

Rings: 2022 Kalk & Stein Chardonnay & Weißburgunder ●, 2023 Chardonnay und Weißburgunder ●

In der Kategorie Gutswein mit Anspruch ist die „einfache Version“ der Cuvée von Rings sicher ein Best Buy. Die kühle, unaufgeregte Stilistik hat uns extrem gut gefallen.

 

Kraftvoll und holzbetont

Knipser: 2019er Chardonnay Réserve

 

Kraftvoll und ausgewogener Holzeinsatz

Knipser: 2019er Chardonnay Fumé, 2020er Chardonnay *** ●

 

Baden

Straight und holzbetont

Bernhard Huber: 2022er Malterdinger Chardonnay Alte Reben (noch ziemlich wild)

 

Straight und ausgewogener Holzeinsatz

Salwey: 2021er Oberrotweiler Weißburgunder ●, 2020er Oberrotweiler Steingrubenberg Chardonnay GG ●, 2020er Oberrotweiler Kirchberg Weißburgunder GG ●

Eigentlich müsste man die Weine von Salwey in eine eigene Kategorie packen. Es sind sicher mit die feinsten Weine und für die warmen badischen Verhältnisse immer kühl. Sie sind nie die aufregendsten aber qualitativ immer auf höchstem Niveau und mit einer ganz eigenständigen Handschrift auch über alle Jahrgänge hinweg.

 

Kraftvoll und Holzbetont

Dr. Heger: 2021er Ihringer Winklerberg Chardonnay 1G

Heitlinger: 2017er Hilsbacher Eichelberg Pinot Blanc GG Heitlinger, 2020er Tiefenbacher Heinberg Chardonnay GG

Heitlinger ist für uns eine ziemlich neue Entdeckung. Ein junges Team arbeitet hier konsequent daran, das Weingut nach vorne zu bringen. Bei den oben erwähnten Weinen ist der Holzeinsatz ziemlich dominant. Wäre er etwas milder, gehörten sie mit zu den Gebietsbesten.

Franz Keller: 2022er Oberbergener Pulverbuck Weißburgunder 1G, 2022 Chardonnay Drei Dörfer

 

Kraftvoll und ausgewogener Holzeinsatz

Weingut SchlörDr. Heger: 2021er Winklerberg Hinter Winklen Gras im Ofen Weißburgunder GG ●

Schlör: 2022 Reicholzheimer Oberer First Weißburgunder GG

 

Ausgewogen (mittlerer Holzeinsatz und mittlere Kraft, eher klassiche Machart)

Bercher: 2022er Sasbacher Limburg Weißburgunder 1G ●, 2022 Burkheimer Feuerberg Haslen Weißburgunder GG ●, 2021 Berchers Chardonnay SE ●

Bercher hat insgesamt eine großartige Kollektion präsentiert. Ein Weingut, dass definitiv mehr Aufmerksamkeit verdient.

Dr. Heger: 2022 Ihringer Weißburgunder

Schlör: 2023 Reicholzheimer Weißburgunder

Der Ortswein von Schlör ist nur im Edelstahl ausgebaut. Entstanden ist ein feiner und schlanker Vertreter der Rebsorte mit klarer Frucht.

 

Franken

Straight und Holzbetont

Rudolf Fürst: 2022er Astheimer Chardonnay R ●

Rudolf May: 2022er Retzbacher Chardonnay ●

 

Kraftvoll und Holzbetont

Höfler: 2020er Michelbacher Chardonnay

Juliusspital: 2020er Volkacher Karthäuser Weißer Burgunder GG

 

Kraftvoll und ausgewogener Holzeinsatz

Egon Schäffer: 2022er Escherndorfer Fürstenberg Weißburgunder 1G Schäffer

Hans Wirsching: 2023er TriTerra Cuvée aus Grauburgunder, Weißburgunder und Chardonnay

 

Ausgewogen

Staatlicher Hofkeller: 2023er Würzburger Stein Weißer Burgunder

Paul Weltner: 2023er Rödelseer Chardonnay

Hans Wirsching: 2023er Iphöfer Kronsberg Chardonnay Alte Reben

 

Weiter in Teil 2 mit Silvanern und Spätburgundern.

Knipser, Pfalz – Spätburgunder „Kalkmergel“ trocken 2013

Knipser, Pfalz - Spätburgunder "Kalkmergel" trocken 2013Knipser zählt für mich zu den Weingütern mit denen ich nur langsam warm werde. Bei einigen Verkostungen habe ich schon Weine von Knipser probiert. Natürlich lässt sich schmecken, dass es sich bei den Weinen von Knipser um mehr als überdurchschnittliche Weine handelt. Der Leumund bei den Kritikern tut das das Übrige. Trotzdem: es sind oft eher leise, elegante Weine, Ecken und Kanten, über die man sich freuen oder alternativ abarbeiten kann fehlen.

Daher wurde es Zeit, mal mehr als nur eine Kostprobe von einem Spätburgunder von Knipser zu trinken:

Intensive Kirschfrucht in der Nase, mit Hagebutte und Cassis. Dunkle Würze mit Piment. Sehr elegant.

Im Mund dichtes und mürbes Tannin, feine Frucht in Richtung Kirsche und schwarze Johannisbeere. Sehr schöne, ausgewogene Würze, ganz leicht ins Warme tendierend. Dazu eine frische, aber gut eingebundene Säure. Klarer, feiner und mittellanger Abgang.

Das ist sehr schön und sehr ausgewogen zwischen Kraft und Eleganz. Die Ecken und Kanten hab ich nur bei den ersten Schlücken vermisst. Ich muss mehr Knipser trinken!

 

Ca. 19,00 EUR / PGV angemessen