Schlagwortarchiv für: Lidl

Realitätscheck 2019: Weinwoche bei Lidl – da Wein einkaufen, wo die meisten Deutschen es tun

Realitätscheck 2019 – da Wein einkaufen, wo die meisten Deutschen es tunDiese Woche ist Weinwoche beim Discounter Lidl. Das Ganze findet unter dem Motto „Deutsche Lieblingsweine“ statt. Eigentlich ist Lidl nicht der Ort, wo ich meine Weine einkaufe. Die Mehrheit der Deutschen tut dies aber – entweder bei Lidl oder einem anderen Discounter bzw. Kette des Lebensmitteleinzelhandels.

Und praktisch ist es auf jeden Fall. Brauchst Du ein paar Eier, kannst Du gleich noch ein paar Rieslinge mitnehmen. Mich überzeugt jedoch in den allermeisten Fällen die Qualität nicht. Auch wenn fehlerhafte Weine auch im Discounter mittlerweile eher selten sind, sorgt zum einen das vom einkaufenden Publikum akzeptierte Preislevel für ein Angebot im sehr einfachen oder einfachen Bereich. Zum anderen sorgen die notwendigen Mengen, die geliefert werden müssen, um Weinkäufer aus z.B. 3200 Lidl-Filialen wöchentlich mit ihren Lieblingstropfen zu versorgen für größere Einschränkungen in der Auswahl der Partner.

Es ist schlicht illusorisch, sich bei Weinen im Dauerangebot von Lidl Bilder vorzustellen von kleinen Winzerfamilien, die ihre Trauben per Hand pflücken und jedes Fass im Keller persönlich streicheln. Mehr zu diesem Thema habe ich bereits 2018 in diesem Artikel geschrieben.

Insofern ist so eine Aktionswoche eine gute Gelegenheit zu schauen, was so in der „5 EUR-Klasse“ mit ordentlich Menge möglich ist. Denn auch beim Aktionsangebot darf nicht vergessen werden, dass rd. 43.000 Liter Wein notwendig sind, um jede der 3200 Lidl-Filialen mit nur je 18 Flaschen zu versorgen. Aber dennoch, hierzu sind einige Weingüter klar in der Lage und selbst wenn mit zugekauften Trauben gearbeitet wird, ist die Menge doch so überschaubar, dass der Abfüller, dessen Name auf der Flasche erscheint, im Rahmen eines solchen „Projektweins“ im Sinne der Qualität recht eng mit seinen Lieferanten zusammenarbeiten kann.

Also habe ich mich für 4 Weine aus dem aktuellen Angebotsprospekt entschieden. Wichtig war mir nur, dass ein greifbarer Winzer oder ein bekannter Name hinter den Weinen steht, und dass sie mindestens 5 EUR kosten. 5 EUR ist für mich die Grenze, wo ich davon ausgehe, dass sowohl Winzer als auch Händler in den meisten Fällen bei einem ordentlichen Wein eine ausreichende Marge erhalten um nachhaltig wirtschaften zu können. Ich wusste w,as jeweils im Glas war. Für meine Freundin mit ihrer feinen Nase war nur das Thema klar, ansonsten war es für sie eine Blindverkostung.

Weinhaus Köhler, Rheinhessen – „Rheinhessen Wine Lovers Herzblatt“ Weißburgunder & Chardonnay trocken 2018 4,99 EUR

Weinhaus Köhler, Rheinhessen - „Rheinhessen Wine Lovers Herzblatt“ Weißburguner & Chardonnay trocken 2018 4,99 EURHinter dem Weinhaus Köhler steckt Christian Dreissigacker. Sein Bruder Jochen leitet das durchaus renommierte Weingut Dreissigacker, das er von seinen Eltern übernommen hat. Christian Dreissigacker verfügt damit auf jeden Fall viel Erfahrung und Austausch. Handwerklich sollte also hier nichts schief gehen, auch wenn das Weinhaus Köhler nur „Abfüller“ ist, die Trauben also auch von anderen Winzern zugekauft sein können.

Der Wein hat eine schöne Nase mit recht süßer gelber Frucht und feiner Würze.

Im Mund erinnert er die einzige Blindprobenteilnehmerin sofort an Grauburgunder, da er schon eher gemütlich und kraftvoll ausgebaut ist. Die Frucht ist etwas diffus in Richtung süßer Birne und Erdbeere. Dazu kommt eine leicht steinige Mineralität und eine schöne, leicht nussige Würze. Die Restüße ist recht großzügig bemessen. Der Wein ist aber nicht bappig. Nach kurzem Abgang bleibt eine süßlich metallische Note.

Was fällt uns positiv auf: Der Wein ist gemütlich und süßlich, fällt aber nicht vollkommen auseinander.

Was fällt uns negativ auf: Die süßlich metallische Note, die im Mund verbleibt, macht uns keine Lust auf mehr.

 

Alte Vogtei zu Ravensburg, Baden – Riesling trocken 2018 bio 6,99 EUR

Alte Vogtei zu Ravensburg, Baden – Riesling trocken 2018 bio 6,99 EURDas Weingut Burg Ravensburg kann auf eine stolze Tradition bis ins Jahr 1251 zurückblicken. Das ist beeindruckend. Seit 2010 sind aber keine adligen Burgherren mehr am Werk, sondern ein bürgerlicher Besitzer, der sein Vermögen im Baugewerbe gemacht hat. Das Weingut wird zusammen mit dem Weingut Heitlinger geführt und ist biozertifiziert (!) und zudem im VDP. Da der VDP-Adler auf der Kapsel ist, handelt es sich bei dem Wein um eine Erzeugerabfüllung, es wurden also keine Trauben zugekauft.

Die Edition „Alte Vogtei zu Ravensburg“ scheint quasi die unter anderem für den LEH gemachte „Marke“ zu sein, um die ab Gut und im Fachhandel unter dem Namen „Burg Ravensburg“ verkauften Weine abzugrenzen. In Verbindung mit dem VDP Traubenadler auf der Flasche hat das für mich durchaus ein Geschmäckle. Entweder ich bring VDP Qualität auf die Flasche, dann brauch ich mich nicht hinter einer Marke verstecken oder ich mach es eben nicht – dann kann ich hierfür einen Betrieb mit anderem Namen außerhalb des VDP gründen. Aber am Ende kommt es auf die Weinqualität an, nichts sonst.

Der Wein zeigt eine recht zarte, aber typische Rieslingnase mit kandierten gelben Früchten, roten Beeren und Kräutern.

Im Mund ist er schön frisch, hat eine durchaus knackige Säure. Die Frucht geht in Richtung kühlem grünen Apfel und süßem Pfirsich gleichzeitig. Dazu etwas Orangenschale, Kräuter und grünpflanzliche Noten. Auch hier ordentlich Restsüße, die auch nach dem ordentlichen Abgang im Mund bleibt.

Was fällt uns positiv auf: Die Säure ist knackig, der Alkohol mit 11,5% für Baden und 2018 erstaunlich niedrig, das bringt recht guten Trinkfluss.

Was fällt uns negativ auf: die Kombination zwischen Süße und den etwas grünen, fast unreifen Noten wirkt leicht unharmonisch.

 

Losen-Bockstanz, Mosel – Wittlicher Klosterweg Riesling Kabinett 2018 4,99 EUR

Losen-Bockstanz, Mosel – Wittlicher Klosterweg Riesling Kabinett 2018 4,99 EURDas familiengeführte Weingut Losen-Bockstanz baut unter Inhaber Thomas Losen auf 36ha in der Wittlicher Senke Wein an. Auch wenn die Lagen zur Region Mosel gehören, sind sie nicht mehr im „Mosel-Canyon“, sondern liegen mit ungefähr 200 bis 250m über NN deutlich höher und weit vom Fluss entfernt. Bei dem Wein handelt es sich um eine Erzeugerabfüllung. Insofern ist das Weingut schon ein gutes Beispiel dafür, dass sich mit überschaubaren 36ha eine Aktion mit Lidl machen lässt.

Der Wein hat eine recht neutrale süßlich fruchtige Nase.

Im Mund zeigt er sich süß gelbfruchtig mit Kräutern. Die Blindverkosterin ruft Pfalz, ist aber immer noch Mosel. Ganz im Hintergrund kommt etwas Mineralität dazu. Die Säure bindet das ganze ganz ordentlich zusammen. Der Abgang ist kurz aber angenehm neutral und nicht übersüß. Für einen „Riesling Kabinett“ im engeren Sinne (es steht nichts anderes auf der Flasche) hat der Wein mit 11% eigentlich einen untypisch hohen Alkoholgehalt.

Was fällt uns positiv auf: Das Süße-/Säurespiel ist recht angenehm.

Was fällt uns negativ auf: Der Wein hat weder den niedrigen Alkohol noch den Trinkfluss eines guten Riesling Kabinett, auch eine Moseltypizität ist nicht wirklich erkennbar. Er macht eher den Eindruck eines recht beliebigen „Riesling lieblich“, Limonade quasi, aber eher langweilig.

 

Hammel, Pfalz – Liebfraumilch „Liquid Love Edition“ 2018 5,99 EUR

Hammel, Pfalz – Liebfraumilch „Liquid Love Edition“ 2018 5,99 EURChristoph Hammel ist großer Müller-Thurgau-Fan und versucht seit ein paar Jahren die Liebfraumilch wieder zu beleben. Vor hundert Jahren durften die Trauben für eine Liebfraumilch nur im Schatten des Turms der Wormser Liebfrauenkirche wachsen. Er war international hoch angesehen und wurde zu hohen Preisen verkauft. Kunden waren zum Beispiel das englische Königshaus und Charles Dickens. Aber schon vor 100 Jahren gab es Nachahmer, die das mit dem Schatten nicht ganz so genau nahmen und spätestens nach den zwei Weltkriegen gab es kein halten mehr. Das Weingesetz schließlich definiert die Liebfraumilch wie folgt:

  • Weißer Qualitätswein aus den Anbaugebieten Nahe, Pfalz, Rheingau und Rheinhessen
  • mindestens 70% aus den Rebsorten Riesling, Silvaner, Müller-Thurgau oder Kerner
  • Restzucker zwischen 18 und 45 gramm (lieblich)

Für die Weinindustrie und die Großexporteure eine Lizenz zum Gelddrucken. Bis irgendwann auch der letzte Amerikaner und Engländer gemerkt hat, dass da nur noch Schrott unter diesem berühmten Namen aus Deutschland geliefert wurde.

Man könnte meinen, es sei nicht klug, auf dieses sinkende Schiff aufzuspringen und wieder etwas daraus zu machen. Ein Hammel schreckt aber vor Herausforderungen nicht zurück (meine Eindrücke einer „kleinen“ Kellerführung bei ihm habe ich hier zusammengefasst) und in den letzten Jahrzehnten hat die Liebfraumilch in Deutschland keine Rolle mehr gespielt, sodass zumindest hierzulande kein Grund für eine Zurückhaltung besteht.

Christoph ist es bei der Liebfraumilch wichtig, dass eben kein bappsüßes Limonadengetränk entsteht, sondern dass die Restüße am unteren Ende liegt und durch eine schöne Säure ergänzt wird, sodass ein Wein mit gutem Trinkfluss und schöner Frische entsteht. Seine eigene Erzeugerabfüllung hatte ich schon mal gekostet. Hier hat er seine Ziele in jedem Fall erfüllt. Den Wein für Lidl macht er mit Kooperationspartnern, insofern bin ich gespannt, wie dieser abschneidet.

Schöne, fein würzige eher kühle Nase mit Pfirsich, roten Beeren, Kräuter (Melisse) und etwas Waldmeister.

Im Mund frisch und aufgeräumt Dank feinem Gerbstoffgerüst und schöner Säure. Gelbe Früchte, Zitrone und Orange. Kräutrige Würze. Recht kurzer, aber klarer und nicht klebriger Abgang.

Was fällt uns positiv auf: Die Liebfraumilch ist ein sehr aufgeräumter Wein mit schöner Frucht und toller Balance zwischen Süße und Säure.

Was fällt uns negativ auf: Bissel kurz isser, was aber dadurch abgeschwächt wird, dass man schon einen zweiten oder dritten Schluck nehmen möchte.

 

Was bleibt aus dieser kleinen Momentaufnahme als Fazit:

Für mein individuelles Fazit würde ich gern die Weine in Kategorien einteilen:

Weine, bei denen ich mehrere Flaschen kaufen würde:

Hier ist für mich ganz persönlich keiner der 4 Weine qualifiziert. Zum einen, weil es in der einfachsten Stufe „Gutswein“ sowieso nur wenig Weine in unserem Keller gibt, wir gern etwas mehr Länge und Komplexität haben und uns die Weine tendenziell alle zu süß sind.

Weine bei denen ich auf einer Party oder im Rahmen einer Einladung nicht auf Bier wechseln würde:

Alte Vogtei zu Ravensburg, Baden – Riesling trocken 2018 – weil er frisch ist und nicht ermüdet

Hammel, Pfalz – Liebfraumilch „Liquid Love Edition“ 2018 – weil er ausgewogen und frisch ist und damit Easy Drinking auch im lieblichen Bereich ermöglicht. Außerdem könnte ich mir den Wein wunderbar zu „Nr. 65 Thai Ente Süß Scharf“ vorstellen.

Weine bei denen ich nach dem ersten Glas definitiv genug habe:

Weinhaus Köhler, Rheinhessen – „Rheinhessen Wine Lovers Herzblatt“ Weißburgunder & Chardonnay trocken 2018 – der Nachgeschmack ist für mich sehr unangenehm.

 

Um das Fazit vom persönlichen aufs Allgemeine zu bringen, muss ich aber nachsichtiger sein.

Hammel und Ravensburg sind schon echte Empfehlungen, es gibt hier bei den aufgerufenen Preisen nichts zu meckern, insbesondere wenn man dazu rechnet, dass der Wein von Berchtesgaden bis Frankfurt an der Oder für jeden in Wohnortnähe erhältlich ist.

Beim Losen-Bockstanz blutet mir etwas das Herz, weil der Wein von einem guten Kabinett so deutlich abweicht. Daher: Für Lieblich-Freunde vielleicht eine Alternative. Für Menschen, die von der Qualität und dem Trinkfluss eines Mosel Riesling Kabinett schon mal gehört haben, ist der Wein nicht zu empfehlen, weil er eben mit der Stilistik nicht viel zu tun hat.

Beim Köhler-Wein kann ich kein neutrales Fazit abgeben, weil mich der Nachgeschmack sehr gestört hat. Ich würde mich sehr über Feedback als Kommentar von anderen Weinfreunden freuen, die den Wein probiert haben – vielleicht ist der Eindruck ja auch ein sehr individueller.

Insgesamt bieten die probierten Lidl-Aktionsweine also schon eine ordentliche, dem Preis angemessene Qualität. Und dennoch: Die Musik spielt beim Wein definitiv im Fachhandel. Und der Besuch eines solchen sei jedem empfohlen, der mehr über den deutschen Wein erfahren und ertrinken will. Zwischen 7 und 12 EUR geht so unglaublich viel, dass ich mich nicht auf den Wein vom Discounter einschränken würde.

Wein im Discounter oder Lebensmitteleinzelhandel – warum es so wenig Qualität gibt und was kann Günther Jauch daran ändern?

Wein im Discounter oder LebensmitteleinzelhandelHuch, schon wieder ein VDP Wein im Discounter. Diesmal ein Gutswein aus dem Rheingau, vom Weingut Leitz. Eine Nachricht, die sich anlässlich der Messe ProWein in den Weingruppen der sozialen Netzwerke schnell verbreitete, aber mindestens genauso schnell verhallte und durch die anscheinend noch spannendere Neuigkeit abgelöst wurde, dass ab sofort auch Günther Jauch mit zwei Weinen (Cuveé rot und weiß) zu je 5,99 EUR bei Aldi vertreten sei.

Die Wellen schlugen hoch. Von “gutes Projekt, fördert den deutschen Wein” über “Wein und Discounter passt nicht zusammen” bis hin zu “hat der Jauch es nötig mit so etwas Geld zu verdienen” waren die Reaktionen.

 

Viel Aufregung um nichts Neues

Wein im Discounter oder Lebensmitteleinzelhandel 2Die Konstruktion des Jauch-Projekts ist dabei eigentlich fast langweilig und nichts grundlegend Neues. Jauch und Andreas Barth, der Kellermeister seines VDP-Weinguts von Othegraven kreieren die Weine, sind für den Geschmack und die Qualität verantwortlich und lassen die Weine von der Großkellerei Mertes verarbeiten und abfüllen. Das erinnert sehr an die bereits länger bestehende Kooperation zwischen Raimund Prüm und Aldi, bei der seit einigen Jahren ein trockener Moselriesling verkauft wird.

In zwei Punkten unterscheiden sich die Projekte dann aber doch: Jauch verleiht dem Wein einen sehr prominenten Namen und die Qualitätsstufe gem. Weingesetz ist eine andere. Während der R. Prüm Wein als normaler Qualitätswein (QbA) verkauft wird, ist der Jauch Wein als “Deutscher Wein” gleich zwei Stufen niedriger und auf unterster Stufe angesiedelt.

Nüchtern betrachtet heißt “Deutscher Wein” erstmal nur, dass die verwendeten Weine nicht zu 100% aus demselben deutschen Anbaugebiet kommen müssen, daß der Winzer die größtmögliche Freiheit bei der Produktion hat und der Wein im Gegensatz zum Qualitätswein keine detaillierte sensorische Prüfung über sich ergehen lassen muss, bevor er in den Vertrieb geht. Am Ende könnte also quasi jeder Qualitäts-/ bzw. Prädikatswein als “Deutscher Wein” abgefüllt werden aber nicht jeder “Deutscher Wein” würde als Qualitätswein durchgehen.

Im WWW vergrößerte das natürlich die Verärgerung einiger vermeintlicher Kenner um ein Vielfaches, denn natürlich kann man hieraus auch zu dem Schluss kommen, dass Jauch unter Zuhilfenahme seines Namens versuchen könnte, billigste Ware zu fürstlichen Preisen zu verkaufen.

In den sozialen Netzwerken nahm schließlich auch Andreas Barth als verantwortlicher Fachmann zum Projekt und zu der Wahl der Qualitätsstufe Stellung. Die Wahl der Qualitätsstufe sei aus dem Grund erfolgt, für das Produkt einen möglichst großen Beschaffungspool zur Verfügung zu haben, um qualitative Schwankungen ohne größere kellertechnische Eingriffe abfedern zu können und um eben keine Konkurrenz zu regional orientierten Winzern mit QbA aufzubauen. Der Preis sei davon bestimmt, den Erzeugern eine faire und auskömmliche Marge zu ermöglichen.

Aus meiner Sicht ist das nachvollziehbar und bezüglich der notwendigen Mengen auch klug. So kann sicher auch eine größere geschmackliche Konstanz über mehrere Jahrgänge hinweg erreicht werden. Diese sollte wichtig sein, um im Discounter langfristig Bestand zu haben.

Und den nächsten Schritt des Konsumenten, nämlich einen regional geprägten Wein zu kaufen, überlässt er mit dem Produkt weiter eher dem Fachhandel.

Die Strategie des Weins aus dem Hause Leitz ist da aggressiver. Rheingau, VDP-Traubenadler, Produzent mit hervorragendem Ruf im Discounter, dauerhaft und mit 6,99 EUR nur wenig teurer!

 

Discounter und LEH: Die wichtigsten Absatzmärkte für Wein in Deutschland

Aber unabhängig von der konkreten Umsetzung: Ich finde es wichtig, dass Deutscher Wein in vernünftiger Qualität auch dort verkauft wird, wo in Deutschland das Gros des Weinhandels stattfindet. 77% des Weinkonsums der Deutschen wird durch Einkäufe im Lebensmitteleinzelhandel und bei Discountern gedeckt (1). Wer nicht dabei ist, lässt (die unteren) ¾ des Marktes unbearbeitet. Eigentlich unglaublich. Ein wesentlicher Hinderungsgrund ist sicher der niedrige Durchschnittspreis des deutschen Weins im LEH von 3,20 EUR / l (1), der dringend erhöht gehört. Umso mehr sind hier Jauch, R. Prüm, Leitz und andere wichtige Wegbereiter, sofern deren Produkte sich qualitativ weit genug von den üblichen 3,50 EUR Großkellereiweinen absetzen.

Doch was ist nun die richtige Strategie für die deutschen Winzer, die bisher im LEH und Discounter keine Rolle spielen? Discounter und LEH ignorieren? Sonderweine nach Prüm, Jauch oder Fritz Keller liefern? Das eigene Sortiment dort verkaufen?

 

Die höchste Eintrittshürde im LEH: Menge, viel Menge

Die Motivationslage und Bereitschaft der Winzer mit dem LEH zu verhandeln mag unterschiedlich sein, aber klar ist auch, dass ein Großteil der deutschen Weinbaubetriebe sowieso erstmal passen müsste, würde morgen der Einkäufer von Aldi oder Rewe auf dem Gutshof stehen. Ganz einfach, weil er gar nicht lieferfähig wäre.

Nehmen wir das Beispiel Leitz und stellen eine grobe, vielleicht etwas amateurhafte Rechnung auf. Aldi Süd gibt für 2017 1890 Filialen in Deutschland an. Der VDP schreibt in seinen Richtlinien für Guts- und Ortsweine einen maximalen Ertrag von 75hl/ha vor.

Unter der Annahme, Leitz würde jede Filiale mit 120 Flaschen p. a. beliefern (damit könnten 2 Rheingaufans pro Filiale jeweils 1x pro Woche eine Flasche in den Einkaufswagen legen und an Festtagen auch zwei Flaschen), ergäbe sich eine notwendige Anbaufläche von 22,7 ha.

Damit können das überhaupt nur ein Teil der 890 Betriebe in Deutschland leisten, die über 20ha bewirtschaften (1). Man darf dabei auch nicht vergessen, dass es genau ein Wein wahrscheinlich auch aus einer Rebsorte sein soll. Ganz zu schweigen davon, auch noch mehrere BigPlayer des LEH bedienen zu wollen.

Auch das Risiko ist sicher nicht unerheblich. Was passiert bei einem Frost- oder Hageljahrgang? Wenn die Erträge plötzlich nur noch halb so hoch sind? Den Endkunden oder den Fachhändler kann man mit guter Kundenbindung sicher vertrösten. Ob man bei Lidl nach 6 Monaten leerem Regal mit dem nächsten Jahrgang wieder ins Sortiment kommt, halte ich zumindest für fraglich.

Leitz hat für die Kooperation mit Aldi wohl kräftig erweitert. Während auf der Homepage des Weinguts noch von 43ha Rebfläche die Rede ist, wird in einem Artikel der Süddeutschen in diesem Monat von fast 100 ha gesprochen.

In der folgenden Tabelle habe ich noch einige Beispiele zusammengestellt, die zeigen sollen, dass ein breites und einheitliches Weinangebot qualitativ hochwertiger deutscher Weine in allen Filialen von Aldi, Lidl, Rewe oder Edeka ohne eine deutliche Beschleunigung der Konsolidierung auf der Erzeugerseite (die wird kommen) nur in wenigen Fällen oder bei Exklusivkooperationen möglich ist. Viele potentielle zusätzliche Einsteiger mit ausreichend Menge sehe ich jedenfalls eher nicht. Spannend auch der Connect zu der einmalig im Weihnachtsgeschäft bei Aldi Süd angebotenen 2016er Ockfener Bockstein Riesling Spätlese (VDP Große Lage) von S. A. Prüm.

Anzahl Fl.
pro Filiale
Aldi Nord (4)Aldi Süd (4)GesamtLidl (4)Beide
Anzahl Filialen23001890419031847374
Durchschnittsertrag
Weinbau D (91hl/ha) (1)
244,5 ha3,7 ha8,3 ha6,3 ha14,6 ha
6011,4 ha9,3 ha20,7 ha15,7 ha36,5 ha
12022,7 ha18,7 ha41,4 ha31,5 ha72,9 ha
Guts-/Ortswein
(max. 75 hl/ha) (3)
245,5 ha4,5 ha10,1 ha7,6 ha17,7 ha
6013,8 ha11,3 ha25,1 ha19,1 ha44,2 ha
12027,6 ha22,7 ha50,3 ha38,2 ha88,5 ha
Erste Lage
(max. 60 hl/ha) (3)
246,9 ha5,7 ha12,6 ha9,6 ha22,1 ha
6017,3 ha14,2 ha31,4 ha23,9 ha55,3 ha
12034,5 ha28,4 ha62,9 ha47,8 ha110,6 ha
Große Lage
(max. 50hl/ha) (3)
248,3 ha6,8 ha15,1 ha11,5 ha26,5 ha
6020,7 ha17,0 ha37,7 ha28,7 ha66,4 ha
12041,4 ha34,0 ha75,4 ha57,3 ha132,7 ha

Zur Info: Rewe ca. 3300 Filialen, Edeka 7054 Filialen

 

Alternativen, um im LEH präsent zu sein

Was sind die Alternativen um in diesem Marktsegment dennoch teilzunehmen?

Mir fallen hier nur wenige ein:

Eine ist ganz klar der “Markenwein”, wie Jauch oder R. Prüm ihn anbieten. Die Rohware wird hier von verschiedenen Produzenten geliefert, damit ist der Einfluss des finalen Weinmachers auf den Traubenanbau selbst nicht sonderlich hoch. Über die Vertragsgestaltung, mit den Produzenten, den Preis und ggf. auch die Überwachung des Produktionsprozesses sollte hier aber sicher noch Qualitätspotential gegenüber den aktuell angebotenen Weinen der Großkellereien zu heben sein. Aktuell macht das Fritz Keller mit seiner “Edition Fritz Keller” und Aldi aus meiner Sicht am besten. Allerdings scheint er durch regionalen Anbau und regionale Abfüllung in einer genossenschaftlichen Kellerei auch am engsten am Produktionsprozess beteiligt. Aber nicht nur bei der notwendigen Anbaufläche, sondern auch in der Verarbeitung ist die notwendige Menge nicht zu unterschätzen. Der Winzer im Hintergrund wird spätestens beim Verschneiden der Lieferungen und Teilmengen an seine Grenzen stoßen, weil er kein passendes Gebinde für mehrere 10.000l im Keller stehen hat. Von der notwendigen schnellen Abfülltechnik und Lagerkapazität ganz zu schweigen. Daher wird der Winzer hier auch den Produktionsprozess selbst eher an eine Großkellerei auslagern müssen und Einfluss verlieren. Ein komplexes Unterfangen mit vielen Fallstricken also!

Die andere Alternative ist, Weine eben nicht bundesweit, sondern regional anzubieten. In den Edeka und Rewe Verbünden gibt es viele selbständige Kaufleute und entsprechend auch heute schon ein paar positive Beispiele von aufgepeppten Weinabteilungen bis hin zu Shop in Shop Konzepten. Auch regionale Formate wie Rewe Landmarkt können helfen (heute aber eher innerhalb und rund um die Weinbaugebiete). Bei Shop in Shop Konzepten und Aufbau eines Fachhandels sind die einzelnen Kaufleute gefragt, hier dürfte es schwer werden, Dinge zu verallgemeinern. Für regionale Kooperationen (auch mit Regionen im weinbaufreien Norden) könnten aber auch Winzer tätig werden – wahrscheinlich gerade außerhalb der eigenen Region aber nicht allein, sondern als Gemeinschaft, die konzeptionell etwas mehr mitbringt als ein paar Flaschen Wein (Vorbild Rewe Landmarkt), um es den Ketten einfacher zu machen. Ob die Discounter im engeren Sinn aber für so etwas bereit sind, ist zu bezweifeln.

 

Der Preis rettet den Weinberg

Aber egal wie: der Basispreis muss steigen. Ob 2,99 EUR pro Flasche im Discounter oder 3,50 EUR ab Hof: das sind keine nachhaltigen Preise, dass sehe ich schon als Verbraucher. So ist deutsche Weinkultur endlich. Für unsere Kulturlandschaft ist es irrelevant, ob ein GG für 30 oder 40 EUR verkauft werden kann, oder ob es für eine Hand voll Winzer einen echten Zweitmarkt mit exorbitanten Preisen gibt, sondern darum, ob auch kleine Direktvermarkter, Fassweinproduzenten und Genossen ein gutes Auskommen haben – hier kommt immer noch die Menge her. Und gerade auch im “kleinen” Direktvertrieb – ohne Marketingexperten und Alleinstellungsmerkmale ändern sich aus meiner Sicht die Zeiten rasant. In Straußwirtschaften ist das Publikum großteils 70+. Das Modell: “Ich fahre zu meinem kleinen Winzer und mache da 2x im Jahr den Kofferraum voll”, kenne ich noch gut aus der Altersgruppe meines Vaters. In meiner spielt das so gut wie keine Rolle mehr. Aufgeben (führt entweder zu brachliegenden Weinbergen oder zu mehr Konsoldierung) oder Möglichkeiten mit überschaubarer Komplexität zu finden, um den Absatz anzukurbeln sind künftig immer wieder die verbleibenden Optionen.

Und natürlich gilt die Empfehlung: Jemand, der deutschen Wein kennenlernen möchte, sollte in der aktuellen Situation nur in Ausnahmefällen beim Discounter kaufen und ist bei einem Fachhändler deutlich besser aufgehoben.

Und am Rande: das Abendland geht nicht unter, wenn ein VDP Gutswein bei Aldi steht – der Discounter und der LEH sind einfach dominierender Teil des Marktes. Ich kann verstehen, dass ein Winzer gern dabei wäre, sofern er die Möglichkeiten hierzu hat.

 

Und die Weine?

Der Günther Jauch Cuveé weiß 2017 und Cuveé rot 2017 sind solide Einstiegsweine, aber eben auch nicht nicht mehr. Daher gibt es hier auch keine Detaillierte Kostnotiz. Der weiße überrascht aber immerhin durch seine recht straffe Abstimmung mit wenig Restzucker. Da gibt es aus meiner Sicht nicht wirklich vergleichbares in diesem Discountersegment. Und der Rote ist erstaunlich schlank. Hier wurde nicht versucht, mit Restzucker Körper vorzutäuschen. Auch das hebt ihn ab von vielen anderen Einsteigern.

Leitz, Rheingau - Rheingau Riesling trocken 2017Aber spontan würde ich immer ins Regal nebenan greifen und den 2017er Rheingau Riesling trocken von Leitz mitnehmen. Kostnotiz hier.

 

PS: dieser Artikel ist aus der Sicht eines weininteressierten Laien entstanden, der Marktteilnehmer als Konsument ist. Ich freue mich daher immer über Feedback und ggf. Korrektur durch andere, professionellere Marktteilnehmer 🙂

 

(1) Quelle:  Deutsches Weininstitut: Statistik Deutscher Wein 2017/2018

(2) Quelle: http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/einzelhandel-die-deutschen-lieben-billigen-wein-1.3910906

(3) Quelle: Homepage des VDP

(4) Quelle: Informationen der Unternehmen (Internet) Stand 2016 oder 2017