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Die Online-Weinverkostung – Erfolgsfaktoren aus der Sicht eines Teilnehmers

Die zweite Coronawelle flacht zwar hoffentlich etwas ab, aber an richtige Weinproben, gar Weinmessen ist nach wie vor nicht zu denken. Das ist ärgerlich für den, der keinen bevorzugten Stammwinzer hat, bei dem er einmal im Jahr Nachschub bunkert. Für Weinnerds wie mich umso mehr. Schon eine breite Verkostung des 2019er Jahrgangs blieb aus. Sehr ärgerlich!

Was bleibt sind Online-Weinverkostungen, deren schiere Zahl und Vielfalt mittlerweile jegliche Leber überfordert. Seit Pandemiebeginn haben wir davon eine ganze Anzahl besucht. Auch über Corona hinaus kann ich mir vorstellen, gelegentlich an solchen Veranstaltungen teilzunehmen, schließlich ist der alternative Ausflug ins Weinbaugebiet aufwändig und nur am Wochenende möglich.

Exemplarisch möchte ich Euch zunächst über einige besonders gelungene Erlebnisse berichten:

 

Die Formate

1. Die Kneipe:

Die Online-Weinverkostung – Erfolgsfaktoren aus der Sicht eines Teilnehmers Dieter die digitale WeinbarDreizehn Termine gab es bereits seit März 2020 für „Dieter – Die digitale Weinbar“. Das wandelnde Weinnetzwerk Dirk (the Dieter) Würtz hier ein besonderes Format an den Start gebracht. An jedem Kneipenabend wird ein Weinpaket von 3 Flaschen (0,75l) verkostet – ähh nein – geso… ähh getrunken.

Jedes Mal gibt es eine gelungene Mischung aus Weinen von Jungwinzern und alter Garde, zwischen experimentierfreudig und klassisch und zwischen Gutswein und großem Gewächs. Auch echte Raritäten waren schon dabei. Schwerpunkt der Auswahl liegt bei deutschen Winzern, aber auch Österreich hat einen festen Platz in der Kneipe. Die Winzer sind am Abend mit dabei und so erhält man die wichtigsten Informationen zu den Weinen aus erster Hand. Dazu 50-80 Teilnehmer im von Co-Organisator Martin Riedl betreuten Zoom-Chat. Das Besondere: Zwischen den Weinen wird gebabbelt. Und das nicht nur über Wein, sondern über Gott und die Welt. So wie es sich in einer Kneipe gehört. Das Publikum ist breit gestreut mit Weinprofis, Gastronomen und Konsumenten mit unterschiedlichem Hintergrund und Biographie. Ein „harter Kern“ und Dirk als Moderator lassen am Abend peinlicher Stille keinen Raum. Und wenn die Runde eine Pause braucht, gibt es Live-Musik. Natürlich geht hier der Paypal-Hut rum. So bleibt keine Flasche voll und die Sessions dauern hier und da bis tief in die Nacht. Fast wie im richtigen Leben!

 

2. Die Talkshow:

Die Online-Weinverkostung – Erfolgsfaktoren aus der Sicht eines Teilnehmers Jakob Jung Franz KellerDas Weingut Jakob Jung aus dem Rheingau hatte im Dezember eine Verkostung der Superlative organisiert. Sechs Weine (0,75l), Spezereien von Franz Keller und vom Rheingau Affineur und eine Talkshow moderiert durch eine Weinprinzessin. Live aus einem professionellen „Fernseh-“ Studio. Das war definitiv kurzweiliger als die meisten TV-Talkshows. Aufgrund der professionellen Umsetzung und der Gäste im Studio war es verschmerzbar, dass es technisch nicht ganz einfach war, den Chat für Rückfragen zum Laufen zu bringen, da hier genauso wie beim Live-Stream nicht auf eine Standardlösung zurückgegriffen wurde.

 

3. Die intime Runde:

Die Online-Weinverkostung – Erfolgsfaktoren aus der Sicht eines Teilnehmers von der TannBeim Weingut von der Tann aus Franken hatten wir uns zu einer Weinprobe zum Thema „Jung, kreativ, experimentierfreudig“ angemeldet, bei der es drei besondere und innovative Weine (0,75l) zu verkosten gab. Ein kleiner Teilnehmerkreis via Zoom hatte die gleiche Idee. Wir lernten die jungen Winzer Steffen und Maggie und ihre Weine kennen, erfuhren viel über An- und Ausbau, über Müller-Thurgau und den Weinort Iphofen. Ein persönlicher und schöner Abend mit spannenden Weinen. Gerade wenn man Winzer und Portfolio nicht kennt, braucht es außer Authentizität, einem Thema und guten Weinen nicht viel, einen solchen Abend sehr unterhaltsam zu gestalten.

 

4. Das Seminar:

Die Online-Weinverkostung – Erfolgsfaktoren aus der Sicht eines Teilnehmers Concept Riesling KerpenDrei Weine vom Weingut Kerpen von der Mosel waren das Thema dieser Verkostung, die durch die Düsseldorfer Weinbar „Concept Riesling“ organisiert wurde. Das hat mit Seminar nichts zu tun, hätten wir sie nicht vollkommen blind verkostet.  Die Teilnehmer bekamen im Vorfeld tatsächlich drei Flaschen (a 0,75l) mit den Zahlen von 1 bis 3 auf dem sonst neutralen Etikett zugesendet. Gänzlich ohne weitere Hinweise. Im Zoom-Call zusammen mit dem Winzer wurde dann munter geraten. Riesling war an der Mosel schnell klar. Aber Jahrgang, Geschmacksrichtung, Prädikat oder vielleicht Lage? Demütig macht so eine Probe. Und unterhaltsam und lehrreich ist sie noch dazu. Und es ist wunderbar, dass das Weingut in der Lage war, eine gewisse Anzahl aus bestens gereiften Raritäten aus den Jahren 1987, 1994 und 2001 zur Verfügung zu stellen. Das ist ja hier verglichen mit einer Raritätenprobe vor Ort im Weingut die große Herausforderung. Pro Wein und Teilnehmer je eine Flasche, statt einen Schluck vor Ort.

 

5. Die Kellerführung:

Die Online-Weinverkostung – Erfolgsfaktoren aus der Sicht eines Teilnehmers Bibo RungeDie Frankfurter Weinbar „East Grape“ hatte zusammen mit dem Weingut Bibo Runge aus dem Rheingau bereits im Frühsommer eine besondere Verkostung organisiert. Ralf, Inhaber vom East Grape hatte sich dafür auf den Weg ins Weingut gemacht und war die Speerspitze vor Ort. Jeder Teilnehmer hatte vier 0,75l Flaschen feinsten Riesling von Bibo Runge auf dem Tisch.

Das Zoom-Meeting startete vor Ort im Weingut in der Vinothek mit Inhaber Markus Bonsels, seiner Frau Monika und Ralf von East Grape. Zunächst war das Weingut und seine Lagen Thema. Ein paar eingestreute Fotos lockerten auf, erinnerten aber nie an die Powerpoint-Schlachten der zuvor im Homeoffice abgehaltenen Telefonkonferenzen.

Schließlich ging es dann mit Markus und Ralf in den bestens mit W-Lan versorgten Keller, wo Markus detailliert auf die Philosophie und die Weinbereitung des Guts einging und Ralf als „Vorkoster“ auch zusätzlich Fassproben kosten konnte. Markus Frau betreute währenddessen weiter die Technik aus der Vinothek heraus. Das war insgesamt eine sehr starke Veranstaltung, weil sie gleichermaßen professionell und persönlich war. Mit Ralf als Anker vor Ort, den alle Teilnehmer kannten, gab es auch keine Scheu zum Dialog.

 

Das waren fünf Beispiele für aus unserer Sicht sehr gelungene Verkostungen. Davon gab es noch einige ebenso gelungene mehr, die aber immer mehrere Elemente der oben erwähnten Veranstaltungen nutzten.

 

Voraussetzungen für einen unterhaltsamen Abend

Aus den gesammelten Erfahrungen ergeben sich für mich als Zielgruppe „Weinnerd“ folgende wesentliche Faktoren für eine gelungene Online-Verkostung:

1. Technik:

Ich liebe Zoom: Bei keiner anderen Plattform gab es so wenige Hickups wie hier. Keine Aussetzer, immer der Sprecher im Bild, auf Wunsch die Möglichkeit auch alle Teilnehmer zu sehen. Anscheinend auch kein Erklärbedarf für die Teilnehmer. Und einfache Stummschaltemöglichkeiten für verwirrte Teilnehmer, die den Muteknopf nicht finden. Und ja, es ist möglich, auch mit 80 Teilnehmern eine gute Zoom-Konferenz zu führen, richtig gut aber nur dann, wenn es einen „Technikbetreuer“ gibt, der Mute, ggf. Präsentation und Chat konsequent betreut.

Schwierig finde ich Streaming-Plattformen, für die eine Anmeldung und Wissen notwendig ist. Instagram z.B. nutze ich nicht und ich habe auch keine Lust, mich dort extra für die Verkostung zu registrieren und einzuarbeiten. Dort und auch bei Formaten wie Youtube sollte der Einlader auch bedenken, dass Kommentare, die während der Verkostung geschrieben werden (ein mündlicher Dialog ist ja nicht möglich), hier und da „für die Ewigkeit“ im Zusammenhang mit dem Veranstaltungsvideo aufrufbar sind. Das macht für mich ganz persönlich solche Wege auch nicht attraktiver. „What’s said in the room stays in the room!“

 

2. Dialog:

Das folgt eigentlich schon aus meinem ersten Punkt. Der Dialog zwischen Moderator und Teilnehmern ist wichtig, damit das Ganze kurzweilig wird. Man kann das natürlich durch viel Professionalität und Interaktion auf der Moderatorenseite (siehe Punkt 5) ein Stück weit kompensieren („Die Talkshow“). Es bleibt aber essentiell.

Am Besten finde ich den mündlichen Dialog. Dialog über den Chat ist schwierig. Wir zum Beispiel sitzen bei solchen Veranstaltungen mit kleinen Spezereien für die Grundlage meist am Esstisch. Als Technik dient ein Mininotebook (aka Netbook). Da ist es mühsam Chatnachrichten zu tippen, ohne gleichzeitig in der Butter zu hängen und den Kameraausschnitt beizubehalten.

Bitte daher unbedingt Mut zum mündlichen Dialog. Das hat immer hervorragend funktioniert, insbesondere wenn ein dezidierter Technikbetreuer (der Winzersohn 😉 ) im Call war.

 

3. Flaschenanzahl und Größe:

Ich weiß, die Leberkapazitäten in den Weinbaugebieten sind nahezu unendlich, daher scheinen für gestandene Winzer 6 ganze 0,75l Flaschen pro Probenabend die Aufwärmportion zu sein. Leider ist das außerhalb aber eher nicht der Fall. 3x 0,75l ist zu Zweit für uns die absolute Obergrenze. An besonders launigen Abenden gerade noch zu absolvieren, ohne am nächsten Morgen komplett Homeofficeuntauglich zu sein, und wenn man es wie meistens schafft, Zurückhaltung zu üben, ist das definitiv an den nächsten beiden Tagen ausgetrunken. Spucken am heimischen Esstisch finde ich, anders als auf Messen, halt schon befremdlich und mehrere Restflaschen in den Ausguss leeren, finde ich ebenfalls keine gute Option. Sechs 0,75l Flaschen sind der absolute Alptraum. Entweder haben wir sie abends gar nicht erst alle aufgemacht, oder sie haben sich über Tage angebrochen im Kühlschrank breit gemacht, bis dass dann doch die Reste im Ausguss entsorgt wurden.

Nicht zu vergessen auch die Haushalte, wo nur eine Person ein Weinfreund ist. Da sind 3 Flaschen à 0,75l schon zu viel des Guten.

Daher plädiere ich für den Einsatz von 0,375l oder 0,25l Flaschen. Das muss Standard werden, sollte sich das Medium Online-Verkostung etablieren. Und für die Großfamilie kann dann ja immer noch parallel das 0,75er Paket angeboten werden.

4. Themenauswahl:

Hier hängt viel von der Flaschengröße ab. Solange 0,75er im Spiel sind, ist da aus meiner Sicht definitiv weniger mehr. Die Jahrgangspräsentation ist da nicht angesagt. Spezielle Themen finde ich als Nerd besonders gut, z.B.:

  • Best of Rebsorte x
  • Vergleich der hochwertigen Lagenweine
  • kleine Jahrgangsvertikale
  • Experimente
  • Eine Probe mit mehreren Winzern aus gleicher Lage oder mit gleichem Thema

Natürlich kann auch der Querschnitt aus einem Weingut abendfüllend sein – die Signature-Wines quasi. Dann würde ich mich persönlich über das Modell „Kellerführung“ freuen, da das eine ideale Möglichkeit wäre, ein Weingut erstmals kennen zu lernen. Ich glaube aber, dass zumindest in meinem Fall die Wiederholungsgefahr eher gering ist, da das weder eine Jahrgangspräsentation ersetzt, noch ein klar abgestecktes Thema darstellt.

Daher auch hier: Wie schön entspannt wäre eine Jahrgangsprobe mit neun oder gar zwölf 0,25l Flaschen. Ich fände das klasse, auch im ganz einfachen intimen Format.

 

5. Moderation:

Die Online-Weinverkostung – Erfolgsfaktoren aus der Sicht eines Teilnehmers Protipp

Der Protipp zum Schluss: Immer was Leckeres zum Essen vorbereiten!

Kurzweil entsteht wie unter Punkt 2 geschrieben oft durch Dialog. Dazu zählt für mich auch der Dialog auf der Moderatorenseite. Zu zweit vor dem Mikro ist immer besser als allein. So kann man sich die Bälle zuwerfen. Das weiß ich aus eigener, beruflicher Erfahrung mit Einbahn-Telkos mit anschließender moderierter Fragerunde mit über 1000 Teilnehmern.

Einer virtuellen Weinverkostung tut aber auch immer die Einbeziehung eines Händlers oder sonstigen dritten Moderators gut. Gerade um Dialog anzuschieben, kann dieser aktiv Fragen stellen, das Gespräch lenken und auch Dinge einmal kritisch hinterfragen, wenn es dann doch mal wie ein Verkaufsgespräch zu seicht plätschert.

 

Ich würde mich jedenfalls freuen, wenn das Format Onlineverkostung einen festen Platz in der Weinwelt bekommen würde.

 

Kleiner Tipp: Zwei Weinfreundinnen versuchen auf Facebook viele Online-Verkostungen auf einer Seite zusammen zu bringen, um einen übergreifenden Überblick über anstehende Veranstaltungen verschiedener Anbieter zu bekommen. Sehr hilfreich! https://www.facebook.com/onlinewinetastings

Jakob Jung, Rheingau – Erbacher Siegelsberg Riesling GG 2015

Jakob Jung, Rheingau - Erbacher Siegelsberg Riesling GG 2015Besondere Zeiten erfordern besondere Formate. Online Weinbars zum Beispiel. Seit einigen Wochen nehmen wir jeden Dienstag an der Online Weinbar „Dieter“ teil. Für jeden Barabend gibt es ein Paket von 3 Weinen, die per Post geliefert werden. Ins Leben gerufen wurde die Bar in der Facebook-Gruppe Hauptsache Wein (wer Gruppenmitglied wird, kann teilnehmen!). Kneipenwirt und Weinorganisator ist Dieter ähh Dirk Würtz, der bisher jede Woche ein wirklich spannendes Paket zusammen gestellt hat und die aufwändige Logistik organsiert. Auch die Winzer sind mit von der Partie und im Regelfall mit in der Videokonferenz. In einer der Runden war Alex Jung vom Weingut Jakob Jung mit seinem Sauvignon Blanc dabei. Ein feiner Wein der mich überrascht hat und den ich im Rheingau auch so nicht vermutet hätte. Also habe ich Tags drauf gleich ein kleines Weinpaket vom Weingut Jung bestellt. Dieter die digitale WeinbarDer erste getrunkene Wein ist dieses schöne 2015er Riesling GG: Dunkel würzige, tabakige Nase. Dazu süße gelbe Frucht und rote Beeren sowie Orangenschale. Im Mund eine recht süße von Zitrusnoten dominierte Frucht. Durch die schöne, reife Säure wunderbar saftig. Dazu eine bunte Kräuterwiese und nussige Noten. Am Gaumen ein feiner Gerbstoffgrip. Im langen klaren Abgang spielt die Süße keine Rolle mehr. Ein tolles Rheingau GG, was mir wieder vor Augen führt, dass es sich immer aber insbesondere im Rheingau lohnt, einige Jahre zu warten, bevor „größere“ Weine in Glas kommen.   Ca. 28,00 EUR / PGV angemessen

„Straubs reife Weine“ im Restaurant Straubs Schöne Aussicht in Klingenberg am 27. Januar 2018

Straubs Schöne Aussicht

Die schöne Aussicht bei Straubs

Unter dem Motto „Straubs reife Weine“ fand am 27. Januar eine feine Weinprobe bei Straubs Schöne Aussicht in Klingenberg statt. Reife Weine sind in jedem Fall ein interessantes Thema, zumal Sabine und Rafael Straub für ihre Restaurant-Weinkarte spannende Winzer mit individuellen Weinen ausgewählt haben.

Geplant waren neben einem „Begrüßungswein“ drei Zweier-Flights mit Weißweinen und ein Dreier-Flight mit Rotweinen. Vorab kann ich sagen, dabei ist es nicht geblieben.

Herausforderung Blindprobe

Ich hatte mich ja auf einen entspannten Nachmittag bei etwas Weinplausch eingerichtet. Schon beim Begrüßungswein waren dann aber direkt geschärfte Sinne gefordert: Blindprobe! Dabei sollte es jeweils flightweise bleiben. Mein persönliches Ergebnis beim Wein erkennen war katastrophal, obwohl mir die meisten Winzer bekannt waren. Einzig bei den Jahrgängen hatte ich eine ordentliche Trefferquote. Dazu kamen zwei echte persönliche Waterloos. Den 2014er Maximin Grünhaus Abtsberg trocken hatte ich erst letztens zuhause getrunken und im Blog beschrieben – gestern hatte ich noch nicht mal das Anbaugebiet erkannt (Mosel!!! – nicht erkannt – da komm ich immer noch nicht drüber hinweg) und auch die einzigartige Stilistik von J.B. Becker aus dem Rheingau konnte ich auch nicht wiedererkennen, obwohl wir erst im Dezember auf der Jahrgangspräsentation knapp 50 Becker-Weine aus den verschiedensten Jahrgängen gekostet hatten. Jetzt könnte ich natürlich zur Entschuldigung anführen, dass wir am Tag zuvor schon ein sensationelles Silvanerdinner mit Rudolf May im Schaumahl in Offenbach genossen und die Geschmacksnerven vielleicht noch etwas gelähmt waren oder den großen Gläsern auf der Probe die Schuld zuschieben. Hilft aber alles nichts – Blindverkostung ist eine Erfahrungssache und es braucht verdammt viel von der Erfahrung, um wirklich gut zu sein.

Individuelle Winzer, kühle Jahrgänge

Straubs Schöne Aussicht Weißweine

Die Weißweine

Bei den Weißweinflights lag der Schwerpunkt klar auf kühleren Jahrgängen. Ein Thema, über das gern gestritten wird. Welche Weine reifen besser: Die aus den häufig wärmeren „Top-Jahrgängen“ oder aus den kühleren Jahrgängen, deren Weine in der Jugend häufig nicht so positiv bei den üblichen Kritikern ankommen, dafür aber häufig mehr Säure aufweisen, die als ein Indikator für eine gute Reifeentwicklung gesehen wird? Final ist dieser „Konflikt“ wahrscheinlich nie aufzulösen.

Bei den Weinen gestern war das Reifeverhalten definitiv positiv zu bewerten. Einzig der im dritten Flight gezeigte 2008er Erbacher Hohenrain Riesling Alte Reben von Jakob Jung hatte seinen Zenit schon etwas überschritten und war daher Solo kein großes Vergnügen mehr.

Meine Favoriten bei den Weißweinen war der frische 2012er Reinstoff Riesling von Kai Schätzel, der feine und sehr elegante 2014er Maximin Grünhäuser Abtsberg Riesling trocken und der 2013er Westhofener Riesling trocken von Wittmann, der neben dem Wein von Jakob Jung der kraftvollste Weißwein des Tages war.

Insgesamt spannend war auf jeden Fall zu sehen, wie schön auch eben Guts- und Ortsweine doch reifen können und es sich auch hier wirklich lohnen kann auf den richtigen Trinkzeitpunkt etwas zu warten.

Spätburgunder 2009 – Warmer Jahrgang, nächste Falle

Straubs Schöne Aussicht Rotweine 2009

Die Rotweine

Zwei Weine waren eher warm (der 2009er Assmannshäuser Höllenberg Spätburgunder der Domäne Assmannshausen der hessischen Staatsweingüter und der 2009er Eltviller Rheinberg Spätburgunder trocken (gibt es nur in warmen Jahren als Lagenwein und wird sonst in den Gutswein gegeben) von J.B. Becker). Zusammen mit der leichten Reife (insbesondere beim J.B. Becker mit pflaumigen Noten) war mir der Jahrgang 2009 dann schon schnell klar. Dagegen war der dritte Wein (2009er Spätburgunder Alte Reben von Bernhard Huber) dann plötzlich viel feiner und kühler und passte so gar nicht in die Reihe – burgundischer war er definitiv und in dem Flight bezgl. des Geschmacksbilds auch sofort mein Favorit. Auf der falschen Fährte war ich dann aber doch wieder: Den Wein hätte ich in 2009 nach den beiden anderen „dickeren“ Pinots nicht nach Baden gesteckt, sondern eher in den Rheingau oder an die Ahr und die feineren Aromen kamen im Gegensatz zu den beiden anderen Weinen bei den ersten Probeschlücken nicht angemessen zu Geltung, so dass ich eher auf einen Gutswein getippt hätte. Aufgedeckt und mit etwas mehr Abstand zu den anderen beiden passte dann wieder alles. Blöde Blindprobe! Fakt ist aber auch, dass ich mich nochmal mehr mit dem Assmannshäuser Höllenberg beschäftigen muss…

Das Beste zum Schluss

Querbach 1979er Oestricher Doosberg Riesling Spätlese

Bonuswein 1

Nach den geplanten Flights und spannenden Weingesprächen hat Rafael Straub dann nochmal in seinen Weinkeller gegriffen und zwei unerwartete schöne Bonusweine geöffnet. Der 1979er Oestricher Doosberg Riesling Auslese von Querbach hat gezeigt, wie schön Riesling reifen kann und wie fein dann auch Spätlesen sein können. Frische war hier noch ohne Ende vorhanden, spontan habe ich auf die 90er Jahre getippt.

Da die Diskussion am Tisch nochmal in Richtung Rosé-Wein abbog und das Für und Wider von Erdbeeraromen abgewogen wurde, hat Rafael Straub schließlich noch eine Flasche 2016er Pinot Noir Rosé Kabinett Trocken von Köhler-Ruprecht aus der Pfalz zur Verkostung geöffnet. Das war mit die größte Überraschung des Tages. Ein solch feiner, erdbeerfreier, mineralischer Rosé ist in Deutschland schwer zu bekommen. Der Wein an sich ist außerhalb von Klingenberg allerdings auch quasi nicht erhältlich, da er im Wesentlichen in den Export geht. Der Wein ist ein starker Essensbegleiter!

Zum Schluss des offiziellen Teils wurden dann noch zwei kleine starke Visitenkarten aus der Küche des Hauses gereicht, die ganz viel Lust gemacht haben, bald mal wieder bei Straubs essen zu gehen.

Zu Ende war der Nachmittag dann aber dennoch noch nicht. Plötzlich kamen nochmal die großen Burgundergläser auf den Tisch. Dank eines großzügigen Gasts durften wir noch einen Wein des Lokalmatadoren Benedikt Baltes genießen. In Sichtweite des Orts, an dem die Reben für den Wein wachsen.

Benedikt Baltes Terrra 1261 2015

Bonuswein 3

Der 2015er Klingenberger Spätburgunder „TERRA1261“ stellt die Spitze der Kollektion von Benedikt Baltes dar. Intensive, vielschichtige Nase, unfassbar fein und dennoch komplex im Mund, im Abgang ellenlang. 2015 auch nicht ganz so kühl und in der Jugend so verschlossen, wie die Top-Weine der Vorjahre. Das ist bei deutschem Spätburgunder ganz ganz weit vorn! Hut ab.

Reifen sollte der Wein allerdings – und zwar noch lang – und da wären wir zum Schluss auch wieder beim Motto des Nachmittags.

 

Vielen Dank an Sabine und Rafael Straub für den schönen Nachmittag!